Essay Radio Bremen
„Heute ist nicht mein
Tag!“ Wenn Sie das sagen können, dann haben Sie noch mal Glück gehabt.
Es gibt viele Menschen, bei denen dauert das länger als nur einen Tag.
Und was sollen die sagen? Schließlich leben sie in einer Zeit, die das
nicht verzeiht: Alle haben doch ständig glücklich zu sein, alle Anderen
sind es ja auch, jedenfalls arbeiten sie hart daran, den Eindruck zu
erwecken. Hinter den Gardinen sieht es oft anders aus.
Das Glück beherrscht zur Zeit das Denken vieler Menschen: Bin
ich glücklich? Wie kann ich glücklich werden? Warum alle Anderen, nur
ich nicht? Auf
die Fragen nicht zu antworten, erscheint unmöglich. Es ist eine
regelrechte Glückshysterie ausgebrochen, mit der viele sich
womöglich noch unglücklich machen.
Könnte es sein, dass
Menschen sich unglücklich fühlen, nur weil sie glauben, immer glücklich
sein zu müssen? Und dass die Unglücklichen sich jetzt erst recht
ausgeschlossen fühlen? Das ist die große Frage bei all dem Gerede über
Glück: Was passiert
eigentlich mit den Menschen, die unglücklich sind und die mitbekommen,
dass die ganze Gesellschaft nur noch über Glück diskutiert? Die Rede vom
Glück hat eine normative Bedeutung gewonnen, malt also den
Menschen eine Norm an die Stirn: Du musst glücklich sein, sonst lohnt
sich Dein Leben eigentlich gar nicht mehr und Du kannst gleich
freiwillig verschwinden. Die so genannte Glücksforschung heute ist, um
das mal ganz hart zu sagen, zumindest teilweise asozial, denn sie
kümmert sich nicht mehr um den Teil der Gesellschaft, der im Unglück und
im Unglücklichsein lebt. Hier geht es nicht darum, einmal mit einem
„schlechten“ Tag zurecht zu kommen, sondern mit der Erfahrung, dass
womöglich jeder Tag „nicht mein Tag ist“.
Wenn Menschen in moderner Zeit nach Glück suchen, so
verstehen sie darunter meist, dass es ihnen gut geht, dass sie gesund
sind, sich wohl fühlen, Spaß haben, angenehme Erfahrungen machen, Lüste
empfinden, Erfolg haben, kurz: all das erleben, was als „positiv“ gilt.
Nicht dass dies in irgendeiner Weise verwerflich sein könnte. Das
Problem ist nur: Diese Art von Glück hält nie lange vor. Es hat seine
Zeit, es hält glückliche Augenblicke bereit, für die der Einzelne sich
offen halten und für die er selbst auch viel tun kann. Aber was bleibt,
wenn das Glück geht? Was ist, wenn etwas scheitert, ein Projekt, eine
Beziehung, eine Karriere, ein ganzes Leben? Es ist die philosophische
Lebenskunst, die einen Menschen davor bewahren kann, das Leben mit einem
einzigen Wohlfühlglück zu verwechseln. Beizeiten stellt sie ihn darauf
ein, dass es noch andere Zeiten geben wird.
Das größere Glück,
das Glück der Fülle, umfasst immer auch die andere Seite, das
Unangenehme, Schmerzliche und „Negative“, mit dem zurechtzukommen ist.
In anderen Kulturen ist das den Menschen klarer als in der westlichen
Wohlstandsgesellschaft: „Wir haben nicht diese Idee von einem perfekten
Leben, das nicht zerstört werden kann“, sagte die indische
Schriftstellerein Arundhati Roy vor kurzem in einem ZEIT-Interview.
Niemand sucht dieses Andere, aber auszuschließen ist es nicht. Zur Fülle
des Lebens zählt nicht nur das
Wohlgefühl, sondern auch
das Unglücklichsein,
das hier mit
einbezogen wird.
Die am meisten
verbreitete Form des Unglücklichseins ist, depressiv, bedrückt
und niedergedrückt zu sein. Aber dieses Traurigsein ist nicht von
vornherein ein pathologischer Zustand, sondern eine Art und Weise des
menschlichen Seins. Es gehört wesentlich zur Existenz des
Menschen. Es kann wohlbegründet sein, wenn Menschen angesichts
dessen, was sich jetzt und künftig nicht mehr ändern lässt, traurig
werden. Was vergangen ist, lässt sich nicht mehr zurückholen. Dass
überhaupt alles vergeht, lässt sich nicht ändern. Nichts hat Bestand,
alles ist vergänglich, brüchig ist der Boden, auf dem wir leben, auf
Schritt und Tritt, überall tun sich Abgründe auf. Und es gibt das
scheinbar grundlose Traurigsein, wenn ein Mensch sagt:
„Eigentlich stimmt bei mir alles, ich weiß gar nicht, was mit mir los
ist“. Vielleicht geht dieses Traurigsein gerade daraus hervor, dass
alles stimmt: Das Leben, das nur noch die Stimmigkeit kennt, verlangt
nach dem Gegenpol der Unstimmigkeit. Auch die unentwegte Lebensfreude
kann erschöpfend sein und bedarf einer Erholung, wie sie das Traurigsein
darstellt.
Ein treffendes Wort
für das Traurigsein und Deprimiertsein ist Melancholie, ein
Zustand, in dem das Glücklichsein vielleicht wünschbar, aber nicht
wirklich möglich erscheint. Melancholie ist die Seinsweise einer Seele,
die immerzu schmerzt und sich ängstigt. Sie wird begleitet und
möglicherweise auch angeleitet von einem höchst reflektierten
Bewusstsein, das um die Ungewissheit all dessen weiß, was den Eindruck
von Gewissheit macht, und die Fragwürdigkeit aller Dinge kennt, deren
mögliche Grundlosigkeit von Grund auf gar nicht bestritten werden kann.
Melancholie bewahrt in sich eine Ahnung davon, wie nichtig die
menschliche Existenz selbst sein kann, und dass ihr der Boden jederzeit
unter den Füßen weggezogen werden kann.
Gerade dieses
tragische Bewusstsein entspricht dem Leben womöglich mehr als jede
törichte Leugnung von Tragik.
Handelt es sich
dabei nicht um eine Depression? Eine Krankheit der
„Niedergedrücktheit“, der Depression, gibt es sehr wohl, gekennzeichnet
von erstarrten Gefühlen, vom Unwillen und von wirklicher Unfähigkeit zur
Reflexion. Der Kranke kann sich selbst nicht mehr helfen, er braucht
Therapeuten und Ärzte. Etwas Anderes ist es aber, im
nicht-pathologischen Sinne depressiv oder niedergedrückt zu sein:
Dieses Traurigsein, diese Melancholie ist von bewegten Gefühlen und
Gedanken geprägt, von übergroßer Sensibilität und nicht mehr endender
Besinnung und Selbstbesinnung. Der melancholische Mensch denkt über
alles nach und kann dabei all die Selbstverständlichkeiten verlieren, in
denen Menschen gewöhnlich leben, ohne es recht zu bemerken. Er kann sich
selbst sogar fremd werden und den Zusammenbruch der eigenen „Identität“
erleben: Menschsein in seiner ganzen abgründigen Fülle. Es gibt daran
nichts zu heilen, eher ist diese Seite des Menschseins zu pflegen.
Die entscheidende Frage ist die nach der Lebbarkeit des
Unglücklichseins, vorausgesetzt, die Lebbarkeit erscheint wünschbar. Sie
hängt ab von der Möglichkeit einer Befreundung mit der Melancholie.
Glück ist, in diesen Zeiten Menschen zu kennen,
die einem beistehen
können, am besten Freunde, aber auch professionelle Gesprächspartner.
Reden hilft, Schweigen nicht. Zeiten der Melancholie brauchen
Gewohnheiten, in deren Umfeld das Traurigsein eingebettet werden
kann. Bei regelmäßigen Spaziergängen kann ein Mensch seinen
melancholischen Gedanken nachhängen. Beim Hören von Musik können
melancholische Gefühle geradezu zelebriert werden, die
Musik hält so viele Stücke kunstvoll komponierten Traurigseins bereit.
Sinnvoll ist eine
Pflege der Erotik, die mit sinnlichen Reizen dafür sorgt, dass
die Melancholie ein wenig austariert wird und den Faden des Lebens nicht
verliert. Und hilfreich ist die Pflege eines Gartens, eines
Balkons oder der Fensterbank, auf der etwas wächst. Das zyklische Werden
und Vergehen der Natur repräsentiert eine andere Form der Zeit, in der
ein Melancholiker sich eher beheimatet fühlt als in der wenig
anheimelnden linearen Zeit der modernen Kultur. Dieses Leben
schließt die Verzweiflung nicht aus, durch die das Leben immer wieder
hindurch muss. Aber es verhindert immerhin die verzweifelte
Verzweiflung, die auf Dauer jeden Halt im Leben unterminieren würde.