Mit Büchern zum Glück
und zur Lebenskunst hat er sich einen Namen gemacht: Wilhelm Schmid.
Nun hat er sich der Liebe gewidmet. Ein Besuch beim Philosophen und
Bestsellerautoren.
Wilhelm Schmid:
"Gerade heute, wo so viele Beziehungen scheitern, könnte man ja
glauben, viele Menschen verlieren auch den Glauben an die Liebe. Bei
manchen ist das tatsächlich der Fall und bei sehr vielen ist das gar
nicht der Fall (lacht). Was bewegt uns Menschen so hartnäckig diesem
Thema hinterher zu gehen?"
Er gehört zu denen, die es genau nehmen: der in Berlin
lebende Philosoph und Bestsellerautor Wilhelm Schmid. Seine Bücher
schwimmen nicht mit im Strom der philosophischen Ratgeberliteratur,
sie bieten keine Anleitungen zum Glücklichsein, keine Rezepte für
ein besseres Leben. Wilhelm Schmids Bücher führen durchs Tal der
Erkenntnis hinauf auf Berge, von denen aus es eine erfrischend klare
Sicht gibt - auf uns selbst und unser alltägliches Leben. Und so
meint "die Liebe neu erfinden" zunächst einmal die Liebe neu zu
denken. In einer Zeit, in der sie als ewig süßes Versprechen
herhalten muss, das sich mit fast allem locken und verführen lässt.
Dabei scheint unsere Gesellschaft - in aller Fülle - depressiv
verstimmt: Verkrachte Paare sitzen in Nachmittagstalkshows herum,
Singles suchen Anschluss und Ehen werden rasant wieder geschieden.
Geht es uns zu gut? Sven Hillenkamp hat 2009 mit seinem Buch "Das
Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit" den
Finger auf die offene Wunde gelegt. Er zeichnete das überspitzte
Szenario einer Welt, in der wir wie freie Radikale durch die
Weltgeschichte jetten. Mit Suchmaschinen für Suchende. Und einer
unendlichen Masse möglicher Traumpartner und -partnerinnen. Ein
beschleunigtes Phantasma - ohne Grenzen und Empathie. Und ähnlich
wie in der Politik alte Werte wie Vertrauen und Verantwortung neu
justiert werden, schlägt Wilhelm Schmid eine Revision der Liebe vor,
um auch der guten, alten Romantik eine Chance zu geben:
"Ohne Romantik
lohnt sich das Leben nicht so recht und die Liebe schon gleich gar
nicht. Also, ich würde gerne daran festhalten, glaube auch, dass das
vielen Menschen sehr nahe liegt - aber dafür ist was anderes nötig,
als das, was wir bisher kennen. Und das ist kein kleiner Sprung oder
kein kleiner Schritt, sondern das ist ein sehr großer Schritt. Wir
müssen anerkennen, dass das Gros unseres Lebens und auch der große
Teil einer Liebesbeziehung sich nicht in Romantik abspielt, sondern
im banalen, trivialen, pragmatischen Alltag."
Welchen Anspruch haben wir an die Liebe? Was alles soll sie
können? Welche unerfüllten Sehnsüchte stillen? Wilhelm Schmid nimmt
den Alltag ins Visier - als einen Ort, wo wir Liebe leben, wenn die
Möglichkeit zur Wirklichkeit wird. Und schmutziges Geschirr und
schreiende Kinder - ohne Supernanny in Sicht - zum Realitätstest
werden. Spätestens dann wird deutlich, dass Liebe mehr ist als ein
romantisches Gefühl. Spätestens dann nervt uns die Zahnlücke unseres
Partners, die wir vorher so charmant fanden. Und plötzlich wird ihre
so wunderbar hohe Stimme, die ein "Guten Morgen" zum Frühstück
trällert, zur Zerreißprobe. Das halten wir nur aus, so Wilhelm
Schmid, wenn Partnerschaft mehr als einen Spiegel ist, wenn wir
gemeinsam über uns hinauswachsen können und auch wollen:
"Ich gebe gerne
zu, dass Männer da etwas stärker darauf geeicht sind als Frauen,
sich nämlich bis Ultimo alle Möglichkeiten offen zu halten, also
sich auch auf eine bestimmte Beziehung möglichst nicht vollständig
einzulassen, weil es könnte ja noch andere Möglichkeiten geben. So
realisieren wir nichts. Wir können nur wirklich etwas realisieren,
wenn wir uns eine Möglichkeit auswählen und diese Möglichkeit dann
mit ganzem Herzen, soll heißen mit der Investition unserer ganzen
Existenz, verwirklichen."
Warum wir uns überhaupt fest binden, wenn dabei so viel auf
dem Spiel steht, versucht Wilhelm Schmid zu ergründen. Um im
Zeitalter virtueller Beziehungen ein verlässliches Du zu finden, ist
eine Antwort. Um sich aus Selbstbezogenheit, Einsamkeit und
Anonymität zu befreien, eine andere. Doch viel wichtiger ist die
ganz einfache, alt bewährte Erkenntnis: Die Liebe gibt unserem Leben
einen Sinn.
Und auch diesen schönen Satz sagt Wilhelm Schmid: "Eine
Wechselseitigkeit von Liebe kann nicht erzwungen werden." Dazu passt
die Geschichte vom Wolf und der Giraffe, die der amerikanische
Psychologe Marshall Rosenberg erfunden hat. Der aggressive,
fordernde Wolf begegnet der gefühlvollen Giraffe, dem Landtier mit
dem größten Herzen. "Liebst du mich?", fragt der Wolf. "Nein, im
Moment nicht." - "Was - du liebst mich nicht?", entsetzt sich der
Wolf. "Lieber Wolf", haucht die Giraffe und seufzt: "Ich meinte
doch, in diesem Augenblick nicht. Aber vielleicht ändert sich das ja
noch. Frag mich doch noch mal in fünf Minuten!" Liebe ist kein
Gefühl, sie ist eine Emotion und nicht überall und jederzeit
verfügbar, sagt damit Rosenberg.
Die Liebe müsse atmen können, so umschreibt es Wilhelm Schmid. Sie
müsse sowohl die Sehnsucht kennen, als auch ihren Gegenpol. Nicht
immer in Bewegung sein, nicht immer Veränderung wollen, sich nicht
immer woanders hinsehnen - bleiben, beharren und den Alltag genießen
lernen, ist seine Devise:
"Philosophen
denken ja immer so grundsätzlich, wie nur irgend möglich (lacht).
Die Grundüberlegung hier ist: Grundsätzlich fürs Leben ist
offenkundig Polarität. Wenn das stimmt, dann stimmt der moderne
Grundsatz nicht, dass alles ständig in Bewegung sein muss. Wo ist da
der andere Pol? Der andere Pol ist Beharrung."
Die Idee der Polarität ist es, die das gesamte Buch Wilhelm
Schmids grundiert. Er räumt auf mit der ewig süßen Harmonie. Und mit
einer Romantik, die die Verschmelzung mit dem Partner auf eine so
totale Weise idealisiert, dass dem kaum noch Luft zum Atmen bleibt.
Dieser ekstatische Moment war im ursprünglichen Sinne der Romantik
auch nur als Momentaufnahme gedacht. Wenn er mehr Leben gewann, dann
nur als Fiktion in der Literatur. Auch Streit, Konflikte und
temporäre Trennungen gehören zum Liebesleben und sind für Wilhelm
Schmid noch lange kein Grund, das Handtuch zu werfen.
"Wir können, ist
meine Erfahrung, ziemlich gut leben mit problematischen Seiten des
Lebens, wenn wir uns drauf eingestellt haben, dass es sie gibt, dass
sie auch ihre Existenzberechtigung haben, dann brauchen wir nämlich
keine Kraft mehr damit zu vergeuden, gegen das anzukämpfen, wogegen
wir jetzt nicht ankommen können. Kämpfen Sie mal im Ärger gegen den
Ärger an, das ist sehr schwierig und es ist ja vielleicht auch
sinnlos. Was geschieht im Ärger? Im Ärger geschieht die
Wiederherstellung der Polarität. Wir hatten viel Freude miteinander,
jetzt muss der andere Pol her. Warum muss der andere Pol her? Weil
das Leben Spannung braucht. Und Spannung gibt es nun mal nur
zwischen gegensätzlichen Polen. Und wenn's nur der Ärger ist, dann
sind wir ja gut bedient. Und wenn wir den Ärger abarbeiten, so wie
sich's gehört, ersparen wir uns möglicherweise damit den ganz großen
Ärger, der dann auch das Ende der Beziehung bedeuten kann."
Nicht verdrängen, der Realität mutig ins Auge blicken - auch das
steckt zwischen den Zeilen von Wilhelm Schmid. Und wenn eine
Trennung wirklich ansteht, sie auch vollziehen. "Die Liebe neu
erfinden" ist voller reifer Reflexionen. Rund sieben Jahre hat
Wilhelm Schmid an seinem Buch gearbeitet. Geschrieben ist es ohne
Kitsch, Zynismus oder Nüchternheit. Plausibilität ist Schmids
Kriterium.
Er erfindet das Rad nicht neu. Aber er haucht der alten Liebeskunst
im Gewand des 21. Jahrhunderts neues Leben ein. Das mag auf den
ersten Blick altmodisch klingen, ist aber klassisch-elegant gelöst.
Wilhelm Schmid nimmt unsere Träume ernst, auch den, die Grenzen der
Endlichkeit in der Liebe überwinden zu wollen. So geben sich
Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn die Hand und so zieht Wilhelm
Schmid gegen Ende seines Buches den Eros als Joker und guten Dämon
aus dem Ärmel:
"Das ist der Eros,
wie er in Platons Symposion in Erscheinung tritt. Als Dämon und
Dämon hieß damals: Mittler zwischen Gott und Mensch. Nicht wie er
dann später zum Mittler zwischen Mensch und Teufel gemacht worden
ist. Nein, Dämon ist der Mittler zwischen, sagen wir nun so,
zwischen der Dimension des Endlichen und der Dimension des
Unendlichen. In der Erotik - das wissen alle, die jemals ein
bisschen Erotik erfahren haben - lösen sich die Grenzen des
Endlichen auf, lösen sich die Grenzen unserer wirklichen Existenz
auf, und es treten plötzlich Möglichkeiten in Erscheinung. Auch
schon zwischen Zweien, die sich lange kennen, wird mehr möglich als
nur Alltag und nur das, was wir bisher miteinander hatten."
Wilhelm Schmid: Die Liebe neu
erfinden.
Suhrkamp Verlag.
Gebunden, 399 Seiten, 19,90 Euro.
ISBN: 978-3-518-42203-8