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Kein populäres Handbuch der Psychologie
kommt ohne seine Beschwörung aus, auf Schritt und Tritt begegnet man
Menschen, die so inbrünstig daran glauben, dass man meint, es mit einer
Religion zu tun zu haben: Das Positivdenken hat in den zurückliegenden zwei,
drei Jahrzehnten die Kultur erobert. Es soll, einschlägigen
Publikationen zufolge, eine „sehr tiefgreifende Methode der
Selbstverwirklichung“ sein; morgens soll man bereits mit einer „positiven
Tageseinstellung“ beginnen, um ein „umfassendes körperlich‑geistiges
Wohlgefühl“ zu erreichen, das kann sich dann ausweiten bis zu einer
„positiven Lebenseinstellung“. Da negative Gedanken nur Wut und Trauer
auslösen, sollen sie von „tiefen positiven Gedanken“ abgelöst werden,
schließlich ist alles Unwohlsein verwerflich und rührt sowieso nur von
inneren Verspannungen und negativen Gedanken und Gefühlen her. Den Menschen
künftiger Zeiten wird das im Rückblick auf unsere Zeit auffallen: Eine ganze
Epoche muss es damals sehr nötig gehabt haben, positiv zu denken, und zwar
umso positiver, je mehr die Verhältnisse ins Negative abglitten. Aufgrund
der Aussichtslosigkeit des Unterfangens, eine rein positive Welt
herzustellen, steigert sich vor allem die Rhetorik, die sie beschwört, und
es entsteht eine Art Zwang zum Glücklichsein, ausgerechnet in einer Zeit, in
der Menschen sich besser um andere Dinge kümmern sollten, beispielsweise um
soziale Probleme und ökologische Zerstörungen.
Von Vorteil ist das Positivdenken dann, wenn es darum geht, in einer Flut
negativer Nachrichten auch mal wieder Land zu sehen. Zum Problem aber wird
es, wenn jemand nur noch Positives sehen will. Dann wird schon die
unscheinbarste Unregelmäßigkeit als negativ verbucht. Vielleicht sollten wir
es mal mit einer Umkehrung der Denkrichtung versuchen und anstelle des
Positivdenkens ein Negativdenken erproben. Diese Methode beruht
darauf, grundsätzlich nicht das Beste, sondern das Schlechteste über Dinge,
Verhältnisse und Menschen zu denken. Verblüffenderweise zieht das durchweg
positive Konsequenzen nach sich, und zwar im doppelten Sinne: Wer so denkt,
wird nur selten enttäuscht, und sollte er dennoch enttäuscht werden, dann
nur angenehm. Wenn das Negative, das er befürchtet und voraussieht, wirklich
so kommt, trifft ihn dies nicht unvorbereitet und das Leben geht weiter;
trifft es nicht ein, ist dies umso erfreulicher, und der angenehme Zustand,
der gewöhnlich keiner weiteren Beachtung wert wäre, lässt sich nun bewusst
genießen. Wer auf diese Weise negativ denkt, wird also entweder bestätigt
oder erlebt nur Gutes; wer dagegen auf herkömmliche Weise positiv denkt,
kann böse Überraschungen erleben. Das Modell für solche Überlegungen findet
man übrigens bei Immanuel Kant, für den derjenige, der „jederzeit nur etwas
Mittelmäßiges erwartet“, den Vorteil hat, „dass der Erfolg selten seine
Hoffnung widerlegt, dagegen bisweilen ihn wohl auch unvermutete
Vollkommenheiten überraschen“. Grundsätzlich, so rät Kant, solle man „keine
sehr hohen Ansprüche auf die Glückseligkeiten des Lebens und die
Vollkommenheit der Menschen“ machen.
Mit der Vollkommenheit ist es im alltäglichen Leben ohnehin nicht weit her.
Es hält viele Tage bereit, denen nachzutrauern sich nicht lohnt: Wozu sie
unter den Glorienschein der „Lebensfreude“ zwingen? Wozu krampfhaft immer
nur „gute Laune“ haben müssen, immer „gut drauf“ sein, immer vergnügt? Es
gibt schließlich ein Menschenrecht auf schlechte Laune, das geltend gemacht
werden kann, um der Eindimensionalität des Positiven zu entkommen. Der
Unterschied spitzt sich zu in der Haltung zum Erfolg: Das Positivdenken
setzt sich einem Erfolgszwang aus, das Negativdenken nicht. Nicht,
dass der Erfolg nicht erstrebenswert erschiene, aber das Negativdenken ist
die Kunst, nicht auf ihn allein fixiert zu sein und Niederlagen nicht zu
fürchten. Wenn der Erfolg sich dann nicht mehr vermeiden lässt, wird der
Betroffene gegen ihn gewappnet sein, denn er bringt, entgegen einer
Grundannahme des Positivdenkens, keineswegs nur „das Positive“ mit sich,
sondern verdient Misstrauen: Erfolg zu haben, könnte auch nur eine
Möglichkeit sein, zu Fall gebracht zu werden, die perfideste immerhin.
Machtstrategisch gibt es diese beiden Möglichkeiten, jemanden auszuhebeln:
Die gewöhnliche, ihm eine Niederlage zu bereiten – und die infame, ihm
Erfolg zuteil werden zu lassen, der ihn über kurz oder lang ins Verderben
stürzen wird. Denn der Erfolg steigt einem Menschen zu Kopf, macht ihn
leichtsinnig und überheblich; Erfolg haben können die wenigsten. Zur
Grundausstattung der Lebenskunst gehört daher, nicht nur Misserfolge,
sondern auch Erfolge noch wegstecken zu können.
Historisch gesehen ist die positive Programmierung des Individuums nicht
etwa eine moderne Erfindung, sondern eine antike Technik, die vor allem in
der epikureischen und stoischen Philosophie der Lebenskunst ausgearbeitet
worden ist. Demnach ist die Bewertung der Dinge als „positiv“ oder „negativ“
eine Frage der Vorstellung, die man sich von ihnen macht, und diese wiederum
kann bewusst gelenkt werden. Die Lenkung der Vorstellungen steht in unserer
Macht und erlaubt uns, auch missliche Dinge so zu interpretieren, dass sie
lebbar werden und wir nicht von der Erfahrung des Üblen überwältigt werden;
denn nicht das, was uns zustößt, ist bedrückend, sondern unsere Meinung
darüber. Diese Philosophie beruht allerdings auf anderen Grundlagen als die
Strategie, sich unentwegt einzureden, es gebe nichts Negatives, und sich der
Suggestion zu unterwerfen, alles sei irgendwie positiv, um sich dann erst
recht an einer schlimmen Realität wund zu stoßen: In der Antike setzte die
Lenkung der Vorstellungen eine Basis des Negativdenkens voraus, ein
„Vorwegbedenken des Üblen“, um nicht plötzlich davon überrascht zu werden.
Auf das Schlimmste gefasst zu sein und sich darauf vorzubereiten: Das ist
ein Instrument wachsamer Lebenskunst seit jeher.
Aber das moderne und postmoderne Positivdenken hat seine Wurzeln nicht in
dieser Tradition, es fehlt ihm jede philosophische Einbettung und es ist
nicht als Kalkül im Rahmen einer überlegten Lebenskunst gedacht. Seine –
wenn auch unfreiwilligen und unbewussten – historischen Bezüge lassen eher
Anklänge an die totalitäre Geschichte des 20. Jahrhunderts erkennen: Positiv
denken, das könnte auch die Neuformulierung des Programms „Kraft durch
Freude“ sein, mit dem die Nationalsozialisten die Massen zu beglücken
suchten, die dies dankbar annahmen. Im modernen Wirtschaftsleben ersetzen
Führungspersönlichkeiten, die dem erfolgreichen Positivdenken folgen,
negative Gefühle und Einstellungen bei sich selbst und ihren Mitarbeitern
durch einen „positiven, selbstbewussten“ Ton, der Zweifel am unaufhaltsamen
Siegeszug gar nicht erst aufkommen lässt. Das Positivdenken gibt sich allzu
gern der Hoffnung hin, es werde schon alles gut werden, wenn man nur lange
genug gut davon denkt. Das Negativdenken bewahrt demgegenüber die Fähigkeit
zur Kritik, wie sie für eine bewusste Lebensführung unverzichtbar
ist, um den Positiv-Darstellungen nicht einfach nur Folge zu leisten. Statt
blind an das Positive zu glauben, erscheint es wichtiger, kritische Fragen
zu stellen, was denn darunter zu verstehen sei und für wen dies und jenes
„positiv“ ist. Wessen Interessen werden dabei bedient? Wozu den strahlenden
Schein aufrechterhalten; wozu mit so großer Einfältigkeit „immer nur nach
vorne schauen“? Welche Verzweiflung, welche
Aussichtslosigkeit macht Individuen anfällig für eine solche
Verhaltensweise? Aus welchem Befinden heraus wird es nötig, nach einem
solchen Strohhalm zu greifen? Und was hat es zu bedeuten, wenn diese
„positive Revolution“ sich überall ausbreitet?
Nicht eine Haltung der Resignation liegt dem Negativdenken zugrunde, sondern
eine Reserviertheit gegenüber allem, was sich so auffällig den Anstrich des
Positiven gibt und glauben macht, der Endsieg des Guten sei nicht mehr
aufzuhalten. Der Hauptgrund für die gegenwärtige Krise ist, dass viel zu
viele immer nur positiv gedacht haben und sämtliche Warnungen, die es ja
lange genug gegeben hatte, sämtliche Warnsignale, die immer lauter wurden,
hartnäckig ignoriert haben. Denselben Fehler, den wir in der Ökonomie und
insbesondere der Finanzökonomie gemacht haben, sind wir gerade dabei, in der
Ökologie zu wiederholen. Die Gefahr ist groß,
nur das Positive zu sehen, Negatives
aber auszublenden,
Kritiker als Miesmacher runterzumachen.
Das Positivdenken unterminiert die Sensibilität für Probleme und für
berechtigte Kritik. Hören wir also auf damit, immerzu nur positiv zu denken.
Üben wir uns in der Krise auch mal darin, negativ zu denken, Dinge klar zu
benennen und nüchtern nach neuen Wegen zu suchen. Dann kommen wir auch bald
wieder aus dem Schlamassel heraus, ansonsten dauert es etwas länger.
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