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1. Der Begriff der
Lebenskunst und das Anliegen der Philosophie
Was hat Philosophie mit
Lebenskunst zu tun? In der Tat, so weit ist es gekommen, dass man diese
Frage stellen muß. Dabei stammt der Begriff der Lebenskunst in Europa aus
der antiken Philosophie, ist also von vornherein philosophisch: griechisch
téchne tou bíou, téchne perì bion, lateinisch ars vitae, ars
vivendi. Die europäische Philosophie selbst trägt die Verantwortung
dafür, dass sie eines ihrer vornehmsten Gebiete aus den Augen verloren hat.
Dies geschah im Gefolge der Konzeption der Epoche namens „Moderne“ im 18.
Jahrhundert durch die Philosophen, die Aufklärer waren: Mithilfe von
Wissenschaft, Technik und freier Wirtschaft sollte die Moderne die kleinen
und großen Lebensprobleme lösen und das „größte Glück der größten Zahl“
realisieren; die Philosophie fand ihre Aufgabe fortan darin, der
Wissenschaft theoretisch zuzuarbeiten. Wo alle Lebensprobleme gelöst werden,
wird eine Lebenskunst überflüssig. Es scheint jedoch, dass das Kalkül nicht
gänzlich aufgegangen ist, und der Optimismus, dass es jemals aufgehen wird,
ist geschwunden. Konsequenterweise kommt es zu einer Rückkehr der
Lebenskunst.
Es ist das Anliegen
meiner Arbeit seit vielen Jahren, Philosophie und Lebenskunst wieder
aufeinander zu beziehen und eine „Philosophie der Lebenskunst“ neu zu
begründen.
Philosophie meint dabei zunächst nichts anderes als ein Innehalten und
Nachdenken – das ist eine bescheidene Definition, aber Philosophie
beginnt seit jeher mit diesem Moment. Sie ist die Eröffnung eines geistigen
Raums, innerhalb dessen Lebensfragen gestellt und erörtert werden können,
ohne dass es hierfür eines pathologischen Hintergrunds bedürfte. Wer Fragen
an das Leben hat, ist nicht notwendigerweise krank, auch nicht „gestört“,
und nicht unbedingt therapiebedürftig. Es gibt offenkundig heute eine
wachsende Zahl von Menschen, die von Lebensfragen umgetrieben wird; das
hängt mit der Situation und dem Zustand der Moderne zusammen. An wen können
diese Menschen sich eigentlich wenden? Sie adressieren sich gerne an die
Philosophie, nicht an die Therapie, bei der sie die Unterstellung eines
pathologischen Hintergrunds vermuten, und nicht an die Theologie, da
jahrhundertealte Methoden der „Seelsorge“ im Bewusstsein noch nachwirken;
das sind jedenfalls meine Erfahrungen bei der regelmäßigen Arbeit in einem
Krankenhaus, die mir hilft, nicht nur Theorien über die Lebenskunst
aufzustellen, sondern auch in der Praxis damit zu arbeiten.
Philosophie der
Lebenskunst meint das Innehalten und Nachdenken über die Grundlagen und
möglichen Formen eines bewusst geführten Lebens, und dieses „bewusst
geführte Leben“, das ist Lebenskunst. Was darunter zu verstehen ist, war in
der Tradition oft sehr genau, geradezu normativ, festgelegt, vor
allem in der stoischen Philosophie: Man hatte leidenschaftslos und
unantastbar zu sein, eben „stoisch“. Unter Bedingungen moderner Freiheit
wird allerdings alles an der Lebenskunst zu einer Frage der Wahl, daher
verfährt die erneuerte Philosophie der Lebenskunst optativ: Optionen,
Möglichkeiten eröffnend, sie vor den Augen des Individuums ausbreitend, für
und gegen die unterschiedlichen Optionen im Gespräch argumentierend, um
letztlich eine überlegte eigene Wahl zu ermöglichen; nicht jedoch Normen
vorschreibend, neue Verbindlichkeiten schaffend, auch wenn vielen genau das
wünschenswert erscheint. Zu den Bedingungen moderner Freiheit gehört vor
allem die Notwendigkeit der Selbstsorge und Selbstverantwortung des
jeweiligen Individuums.
Lebenskunst meint die
bewusste Gestaltung des Lebens und des Selbst. Das Leben erscheint dabei
als Material, die Kunst als Gestaltungsprozess, die Philosophie als geistige
Hilfestellung, nicht als Therapie. Das Werk der Kunst muss nicht irgendwann
definitiv vollendet sein; es kann vielmehr fragmentarisch bleiben. Die
Arbeit an diesem Werk geschieht vorzugsweise über die Arbeit an äußeren
Werken, die im Grunde immer eine Arbeit des Selbst an sich bedeutet. Auch
die Anderen arbeiten grundsätzlich mit an diesem Werk, das das Selbst und
sein Leben ist. Mit der Arbeit der Gestaltung ist hier nicht eine beliebige
Verfügung über das Material gemeint und auch nicht unbedingt nur ein aktives
Tun, sondern ebenso ein passives Lassen. Nicht alles am Selbst und seinem
Leben ist beliebig zu gestalten, vieles ist vielmehr in irgendeiner Weise
hinzunehmen, wobei sich jedoch wiederum die Frage stellt, welche Haltung
dazu einzunehmen ist, denn die ist eine Frage der Wahl. Die Philosophie kann
eine Reihe von konkreten Vorschlägen machen, die zur Gestaltung des Lebens
und zum Gewinn von Selbstmächtigkeit dienen können, immer ausgehend von der
Frage: Was ist grundlegend für das Leben, welche Möglichkeiten des Umgangs
damit gibt es?
2. Lebenskunst als Arbeit
an einer anderen Moderne
Als grundlegend erscheint
vor allem, dass das Leben an die Bedingungen und Möglichkeiten einer
bestimmten Zeit und eines Kulturraumes gebunden ist. Die Lebenskunst, wie
sie hier entfaltet wird, versucht (auch wenn sie einige Inspirationen aus
der Tradition aufnimmt) auf die Herausforderungen der Zeit der Moderne zu
antworten. Was aber ist Moderne? Woher kommt sie, wohin geht sie? Sie
erscheint als eine Denkweise, die die verschiedensten Erscheinungsweisen des
Lebens durchzieht, nicht als Produkt eines Zufalls, sondern einer
absichtsvollen Konzeption, modernen Menschen oft kaum mehr bewusst.
Dynamisch bewegt wird die Moderne, wie sie von den Aufklärern im 18.
Jahrhundert konzipiert worden ist, vom Begriff der Freiheit, um
unfreien, unwürdigen, elenden Verhältnissen zu entkommen. Freiheit wird
dabei von vornherein und bis ins 21. Jahrhundert hinein im Wesentlichen als
„Befreiung“ verstanden und als Freiwerden von Gebundenheit erfahren. Nichts
daran ist zurückzunehmen, die Tragik der Freiheit als Befreiung besteht
jedoch darin, ein Individuum freizusetzen, das in seiner Bindungs- und
Beziehungslosigkeit kaum zu leben vermag. Wie ein erratischer Block steht es
in der Landschaft der Moderne, versteht sich selbst nicht mehr und weiß mit
sich nicht umzugehen.
Denn das ist die
Situation des modernen Individuums: Frei zu sein von religiöser
Bindung, denn es ist auf keine Religion mehr festgelegt, auf kein
Jenseits mehr vertröstet – mit der Folge, auf kleine und große Lebens- und
Sinnfragen nun selbst Antworten finden zu müssen. Frei zu sein von
politischer Bindung, denn aufgrund der Befreiung von jeder Bevormundung
vermag es eigene Würde und Rechte gegen Fremdbestimmung geltend zu machen –
mit der Konsequenz, dass die individuelle wie gesellschaftliche
Selbstgesetzgebung („Autonomie“ im Wortsinne) zur ebenso mühsamen wie
unumgänglichen Aufgabe wird. Frei zu sein von ökologischer Bindung,
denn aufgrund technischer Befreiung von Vorgaben der Natur sind neue
Lebensmöglichkeiten entstanden – mit der schmerzlichen Erfahrung, dabei die
eigenen Lebensgrundlagen verletzen zu können und aus Eigeninteresse (sofern
da noch eines ist, das so weit reicht) eine ökologische Haltung neu
begründen zu müssen. Frei zu sein von ökonomischer Bindung, die
zunächst noch darin bestand, die freigesetzte wirtschaftliche Tätigkeit
einiger auf die Hebung des Wohlstands aller zu verpflichten – die Befreiung
davon sorgt für soziale und ökologische Kosten, deren Bewältigung größte
Mühe macht. Frei zu sein schließlich von sozialer Bindung: Das vor
allem ist der Befreiungsprozess, der das moderne Individuum erst
hervorgetrieben hat, losgelöst aus seinem Eingebundensein in Gemeinschaften,
befreit („emanzipiert“) von erzwungenen Rollenverteilungen, sexuell befreit
von überkommenen Moralvorstellungen, befreit überhaupt von Moral und Werten,
die als „überholt“ angesehen werden. Anstelle von Gemeinschaft entsteht die
Gesellschaft als Zusammenkunft freier Individuen. Alle Formen sozialer
Gemeinschaft werden fragmentiert.
Moderne ist eine
Auflösung von Zusammenhängen und somit von Sinn, denn Sinn, das ist
Zusammenhang. Die Befreiung von inneren und äußeren Bindungen und
Beziehungen führt zur Erfahrung des „Nihilismus“. Aber die Bedeutsamkeit von
Zusammenhängen ist in ihrer Abwesenheit am besten zu erkennen. Die Moderne
im Übergang ist daher eine philosophische Zeit, eine Zeit der neuerlichen
Frage nach dem Wesentlichen, nach dem „Sinn“. Da sich im Nichts nicht leben
lässt, beginnt die Arbeit an einer Wiederherstellung von Zusammenhängen,
wenn auch anfänglich noch naiv und unbeholfen. Das ist eine Modifikation
der Moderne, und die Lebenskunst kann sich als Teil der Arbeit daran
verstehen. Sie begibt sich auf die Suche nach dem „richtigen Leben im
falschen“, und sie ist ein antinihilistisches Projekt – vorausgesetzt, es
erscheint erstrebenswert, sich nicht im Nihilismus einzurichten. Einiges an
der Ausrichtung des modernen Lebens könnte grundsätzlich „falsch“ sein:
Falsch könnte es sein, religiöse Fragen für erledigt zu betrachten,
politische Rechte ein für allemal für gesichert zu halten, ökologische
Zusammenhänge in desaströsem Ausmaß zu vernachlässigen, der ökonomischen
Rationalität eine unangemessene Bedeutung zuzumessen, soziale Zusammenhänge
so weitgehend aufzulösen, dass jedes gesellschaftliche Zusammenleben
unterminiert wird, zugunsten eines „Glücks“, das regelmäßig ins Unglück
führt. Eine Veränderung moderner Denk- und Lebensweisen kann jedoch nicht
„von oben herab“ verordnet werden, sondern nur „von unten herauf“ wachsen,
realisiert von einzelnen Individuen, die Inseln des Anderen bilden und
„gleichsam durch die Form der eigenen Existenz“, wie es in einer Vorlesung
zur Moralphilosophie (1957) von Theodor W. Adorno heißt, „mit all den
unvermeidbaren Widersprüchen und Konflikten, die das nach sich zieht,
versuchen, die Existenzform vorwegzunehmen, die die eigentlich richtige
wäre“.
Die Arbeit an einer
anderen Moderne rückt auf andere Weise das Individuum ins Zentrum, nicht
mehr nur als sich befreiendes, sondern auch als
Freiheitsformen schaffendes: zweifellos ein nietzscheanisches Projekt.
Erhalten bleibt der Zentralbegriff der Freiheit, verstanden jedoch nicht
mehr nur als negative Freiheit der Befreiung, des Freiseins von,
sondern auch als positive Freiheit des Freiseins zu Bindungen,
Beziehungen, Begrenzungen, die vom Individuum selbst gewählt und
festgehalten werden. Alle Arbeit an der Formgebung der Freiheit wurde in der
Moderne sehr stark auf das Recht konzentriert, das mit dem Umfang der
Aufgabe jedoch überfordert ist. In allen genannten Hinsichten: religiös,
politisch, ökologisch, ökonomisch, sozial, sind daher Formen der Freiheit
auszuarbeiten, um den Zustand des bloßen Befreitseins zu überwinden. Nicht
zuletzt auch, weil dieser Zustand, wie sich zeigt, antimoderne Kräfte auf
sich zieht, die die Spielräume der Freiheit bedrohen, getrieben von
tödlicher Angst vor der Moderne und ihren Befreiungen. Eine andere,
kritische, reflektierte Moderne wird sich eher darauf verstehen, Brücken zu
anderen Kulturen zu bauen, statt diese mit kultureller Arroganz als
„überholt“ abzuweisen. Sie verzichtet dabei nicht auf zentrale
Errungenschaften der Moderne wie Menschenwürde und Menschenrechte. Erhalten
bleibt das moderne Engagement für Veränderungen und Verbesserungen, alles
andere würde das blinde Sichfügen in beliebige Verhältnisse bedeuten. Ein
entscheidender Punkt der Korrektur der Moderne ist jedoch die Anerkennung
und Wiederherstellung ökologischer Zusammenhänge. Das betrifft
nicht nur die äußere Ökologie der Welt,
sondern ebenso die innere Ökologie des einzelnen Individuums. Ein
aufmerksamer und pfleglicher Umgang gilt daher dem eigenen Körper,
notwendiger Bestandteil einer ökologischen Lebenskunst.
3. Ökologie des Körpers:
Ethik der Ernährung
Der Körper jedes Einzelnen ist selbst ein Ökosystem. Die Ökologie der
Biosphäre im Ganzen und auch deren Gefährdung spielen sich zugleich
innerhalb des Körpers ab, denn Menschen leben nicht als separate Wesen auf
dem Planeten, sondern betreiben unentwegt Stoffwechsel mit ihm, atmen ihn,
trinken ihn, essen ihn und scheiden ihn aus. Zu den Stoffen, deren
Kreisläufe durch den Körper hindurchgehen, zählen nicht zuletzt die
Schadstoffe, die vom Menschen selbst produziert werden. „Wenn wir auf so
vertrautem Fuße mit diesen chemischen Stoffen zu leben gedenken – sie essen,
trinken und sie selbst ins Mark unserer Knochen aufnehmen –, sollten wir
wohl etwas von ihrer Natur und ihrer Wirkungsweise wissen“, meinte Rachel
Carson schon 1962 in ihrem Buch „Der stumme Frühling”, das den Anstoß zur
Gründung der amerikanischen Umweltschutzbewegung gab. Bei der Ökologie des
Körpers geht es nicht etwa darum, einer hypochondrischen Gesundheitslehre zu
frönen, sondern darauf aufmerksam zu sein, was dem Körper schadet und was
ihm gut tut, welche Stoffe auf welche Weise im Körper wirken und wie sie zu
dosieren sind zwischen einem Zuviel, das als Gift wirken, und einem Zuwenig,
das sich als lebensbedrohlicher Mangel auswirken kann. Fragen der Ernährung
rücken ins Zentrum.
Lange Zeit konnten Fragen der Ernährung als unphilosophisch gelten. Das
„reine Denken“ mit Produkten der „ausgebreiteten Welt“ zu nähren, schien so
vernachlässigenswert zu sein wie die Versorgung mit frischem Sauerstoff:
Philosophen hielten es für unwichtig, Welt so tief in sich aufzunehmen.
Nietzsche hingegen hielt „die Frage der Ernährung“ für bedeutsamer
fürs Leben als etwa theologische Fragen: Das „Heil der Menschheit“ hänge
daran, er selbst habe die Gegenprobe gemacht, wenn auch aus blanker
Unkenntnis, als er zur Zeit seines Schopenhauer-Studiums den Willen zum
Leben sehr ernsthaft „durch Leipziger Küche“ verneinte (Ecce Homo,
„Warum ich so klug bin“). Wie es auch immer um das „Heil“ bestellt sein mag:
Zumindest erscheint die Frage der Ernährung als sinnvolles Objekt der Sorge
für sich selbst, um sich mit sich zu befreunden und ein bejahenswertes Leben
zu realisieren.
Wenn wirklich, wie es heißt, die Liebe durch den Magen geht, dann gilt dies
auch für die Liebe zu sich selbst. Die Ernährung ist der Ausdruck dieser
Liebe, der intimste Akt, den das Selbst tagtäglich mit sich vollzieht –
intimer als die zeitweilige innige Berührung eines anderen beim erotischen
Akt, denn es geht um die dauerhafte Verschmelzung des Selbst mit dem, was es
„zu sich nimmt“. Stoffe und Materialien nimmt es tief in sich auf, sie
durchwandern den Körper von oben nach unten, sondern ihre Substanzen ab und
vermischen sich mit den Säften des Körpers.
Es gehört zu den Besonderheiten der Lebensführung in moderner Zeit, dass
Fragen der Ernährung von jedem einzelnen Selbst neu zu entscheiden sind,
nachdem traditionelle, konventionelle und religiöse Antworten darauf an
Verbindlichkeit verloren haben: Die moderne Freiheit durchquert den
Magen des Selbst. Eine historische Errungenschaft dieser Freiheit ist die
weitgehende Befreiung moderner Gesellschaften vom Hunger, aber wie jede
Befreiung führt auch diese nicht von selbst schon zu Formen der Freiheit:
Von den Nahrungsmitteln, die im Übermaß zur Verfügung stehen, wird zunächst
im selben Übermaß, wahllos und unreflektiert, Gebrauch gemacht, mit all den
Konsequenzen, die sich daraus für den Körper ergeben. In dieser Situation
hat jeder Einzelne eine erste, grundlegende Wahl zu treffen, für die drei
Optionen zur Verfügung stehen: 1. Sich gänzlich ignorant gegen
Ernährungsfragen zu verhalten, sich nicht um irgendwelche Kenntnisse und
Erkenntnisse zu bekümmern, dies aber bewusst zu tun. 2. Mehr oder weniger
bewusst dem Impuls der Angst zu folgen, sich hysterisch von allen nur
denkbaren Gefahrenquellen fern zu halten und fraglos von der epistemischen
Ebene ernährungswissenschaftlicher Erkenntnisse zur ethischen Ebene des
Handelns überzugehen. 3. Schließlich aber sich selbst eingehender mit
Ernährungsfragen zu befassen, um möglichst klug, differenziert und
wählerisch damit umzugehen; auf optativer Grundlage je nach
Plausibilität auch Wissen heranzuziehen, es jedoch nicht umstandslos zur
normativen Grundlage des Handelns zu machen: Wissenschaft darf nicht mit
definitiver Gewissheit verwechselt werden. Auf mögliche Risiken antwortet
eine Vorsicht, die nicht von der Aufhebbarkeit sämtlicher Risiken träumt.
Den Problemen und Gefahren der Intimität kann eine
Ethik der Ernährung
Rechnung tragen. Sie berücksichtigt die verschiedensten Aspekte der
Ernährung für Selbst und Welt und verknüpft die Ethik des
Selbstverhältnisses mit einer Ethik des Weltverhältnisses. Alle
Aspekte der Klugheit: Rücksicht, Umsicht, Vorsicht und Voraussicht,
sind hier am Platz. Sich um Klugheit zu bemühen heißt abzuwägen,
einzuschätzen, Sensibilität zu gewinnen, ein Gespür zu entwickeln,
verfügbare Kenntnisse heranzuziehen und sich um eine Aufklärung von
Zusammenhängen zu bemühen, so weit das momentane Wissen reichen kann: Was
sind die Grundlagen der Ernährung, welche Möglichkeiten habe ich und welche
Wahl treffe ich? Was ist das, was ich zu mir nehme; was braucht mein Körper,
was nicht? Welche Produkte bergen welche Inhaltsstoffe, und wie werden sie
produziert, konserviert, transportiert, konsumiert? Das Selbst konzentriert
seine Aufmerksamkeit und Achtsamkeit auf das gesamte Umfeld der zu
treffenden Wahl, um mit allen relevanten Aspekten vertraut zu werden. Das
reicht von der vorbereitenden Sensibilisierung für Fragen der Ernährung bis
hin zur globalisierenden Betrachtungsweise ihrer Konsequenzen: Denn die
Produkte, die zur Ernährung herangezogen werden, haben erwünschte oder
unerwünschte Konsequenzen nicht nur im Körper des Selbst, sondern auch am
Ort ihrer Herkunft und auf dem Weg zum Selbst. Mit ihrer Aufnahme in sich
geht das Selbst eine intime Beziehung auch zu ihrer Herkunft ein, und die
Bedingungen von Produktion und Transport, die sozialen Bedingungen inhumaner
Arbeitsverhältnisse oder die ökologischen Bedingungen einer Freisetzung von
Schadstoffen wirken auf direkte oder indirekte Weise wiederum auf die
Lebensbedingungen des Selbst zurück.
Ihre konkrete Ausformung
erfährt die Ethik der Ernährung in einer erneuerten Diätetik, die
nicht primär darin besteht, „Diät zu halten“, sondern, dem zugrunde
liegenden griechischen Begriff díaita entsprechend, eine bestimmte
Lebensweise einzurichten, beruhend auf der Wahl des Selbst. Von
besonderem Interesse bei der Einrichtung des Lebens sind die Rhythmen von
Ruhe und Bewegung, von Wachen und Schlafen, und in diesem Rahmen erst die
Einzelfragen des Essens und Trinkens – und welche Rolle den erotischen
Lüsten, den aphrodísia, zugemessen wird, die seit altersher zur
körperlich-seelisch-geistigen Nahrung im Rahmen einer Lebensweise beitragen.
Von Bedeutung ist die Haltung, mit der gegessen und getrunken wird;
entscheidend ist, ob Essen und Trinken genossen oder lediglich aus
Vernunftgründen „dem Körper zugeführt“ werden. Eine Frage der Haltung ist,
ob das Selbst sich mit „schnellem Essen“ (Fast Food) abspeisen lässt
oder die Alternative des „langsamen Essens“ (Slow Food) bevorzugt;
die Wahl dazwischen trifft allein das Selbst, das sich die Frage stellt: Was
bedeutet es für mich, beim Essen zu verweilen, dem eigenen Körper die Muße
zu gönnen, das Essen zu genießen oder eben nicht? Die Antwort kann es für
sich erspüren, indem es darauf achtet, welche Art des Essens seinem
Wohlbefinden förderlich ist und die körperliche Widerstandsfähigkeit erhöht.
Genossen werden kann ein Essen auch dann, wenn es nicht in jeder Hinsicht
den hohen Maßstäben einer gesunden Ernährung genügt. Zur erneuerten Diätetik
gehört durchaus der reuelose Genuss dessen, was das Selbst zu sich nimmt,
von ihm selbst gewählt, und wovon es sich intim berühren lässt; intensiviert
wird der Genuss durch die volle Entfaltung der Sinne des Sehens, Riechens,
Schmeckens und durch die rituelle Inszenierung, die das Essen zum
individuellen und sozialen Ereignis macht. Nur der mangelnde Genuss beim
Verdacht, das Falsche zu essen, im falschen Rahmen, die spürbare Unlust beim
Essen, die nachfolgende Reue sorgen für ungesunde Empfindungen von Stress.
Von vornherein kann es
bei einer erneuerten Diätetik nicht um eine normative, sondern nur um
eine optative Lebens- und Ernährungsweise gehen. Das gilt auch dann,
wenn Experten imperativische Auskünfte darüber geben, was genau zu essen und
zu trinken sei und wie man zu leben habe, um gesund zu leben, mag das auch
noch so vernünftig erscheinen, wie etwa bei der Formulierung der „fünf
Punkte“: viel Bewegung zu suchen, Übergewicht zu vermeiden, auf Nikotin und
übermäßigen Alkoholgenuss zu verzichten, viel Salat, Gemüse und Obst zu
essen, Fleisch nur maßvoll zu gebrauchen. Trotz allem kann dem die
Auffassung entgegen gesetzt werden, dass es
womöglich nicht gesund ist, immer nur gesund zu leben und zu essen: Die
Integrität des Selbst und insbesondere Magen und Darm müssen auch
Herausforderungen bestehen können. Das ist kein Plädoyer für
beliebige Lebensweise und Ernährung, sondern dafür, dem gesunden Leben und
Essen allein nicht alles zuzumuten. Das einzelne Individuum selbst trifft
die Wahl, die es mit seiner gesamten Existenz auch selbst verantwortet.
Entscheidet es sich für diätetische Veränderungen, ist ein zentrales Problem
allerdings die Verflochtenheit der Lebensweise und der Fragen der Ernährung
mit dem Phänomen der Gewohnheit. Ernährungsgewohnheiten zu ändern
bedarf einer intensiven Asketik, denn die bloße Einsicht in den Sinn von
Veränderungen führt noch lange keine herbei; vielmehr bedarf es beständiger
alltäglicher Arbeit, um eine mehr oder weniger gedankenlos vollzogene
Gewohnheit durch eine bewusst gewählte zu ersetzen. Niemand sonst als das
Selbst kann dies leisten, und für seine Mühe gibt es letztlich nur einen
ausschlaggebenden Grund: sein Eigeninteresse, denn es geht um sein Leben,
das von der Ernährung auf existenzielle Weise abhängt und mit ihr
gegebenenfalls auf dem Spiel steht.
Wenn die Option einer gesunden Ernährung vorgezogen wird, kommt dennoch kein
aktuell geltender Standard dazu ohne weiteres in Betracht; vielmehr
erscheint es sinnvoll, mit der Zusammenstellung der einzelnen Elemente der
Ernährung in Bezug auf die je eigene Lebensweise selbst zu experimentieren,
bis eine gut lebbare Komposition gefunden ist. Komponenten sind die 4
Arten von Stoffen, die tagtäglich in den Körper aufgenommen und von ihm
ausgeschieden werden. Hilfreich für das Selbst ist, wenn der Bedarf sich in
Appetiten äußert: In ihnen kommt das Gespür des Körpers zum Vorschein, das
durch Erfahrung weiter zu verfeinern ist. Das betrifft zunächst die
Nährstoffe, die als Energielieferanten für Körper und Gehirn fungieren.
Die Aufmerksamkeit gilt ferner dem richtigen Maß an Wirkstoffen,
Vitaminen wie auch Mineralstoffen, die dem Eindringen von Krankheitserregern
in den Organismus entgegenwirken; auch Tausende von „Sekundären
Pflanzenstoffen“ sind dafür von Bedeutung. Schließlich aber geht es um das
richtige Maß an Ballaststoffen, die einer Pflege des Darms dienen, in
dessen Wänden ein Großteil des Immunsystems angesiedelt ist. Es ist
sinnvoll, sich vor Augen zu führen, welche Arbeit im Darm geleistet wird, um
sie wirksam erleichtern zu können: Er nimmt die Nährstoffe auf und
verwandelt sie in Energie, aber er ist auch mit dem zentralen Problem
moderner Ernährung befasst, mit all den Zusatzstoffen, chemischen
Farbstoffen, Konservierungsstoffen, Geschmacksverstärkern, auch
„Fruchtzubereitungen“, die wiederum zugesetzter Aromastoffe bedürfen; immer
mit der Gefahr, dass das Immunsystem des Körpers davon irritiert wird und
allergisch reagiert.
Zu einer ausreichenden
Grundversorgung mit Flüssigkeit trägt die Suppe bei. Kein Geringerer
als Epikur hat sie philosophisch nobilitiert, denn seinen Vorstellungen
eines lustvollen Lebens („Nicht jede Lust ist wählenswert“, Brief an
Menoikeus, 129) entsprach sie auf ideale Weise: nicht in aufwändigen
Gelagen zu schwelgen, sondern die Bedürfnisse auf ein minimales Maß zu
reduzieren, um ihre Befriedigung dann maximal zu genießen. Derjenige Genuss
erscheint ihm am lustvollsten, für den wenig nötig ist, und zu finden ist er
durchaus im Sinnlichen, nicht in einer bloßen Idee: Er wisse nicht, meinte
Epikur gegen Platon gewandt, was er sich unter der Idee „des Guten“
vorstellen solle, wenn nicht die Liebeslust, die Lust des Hörens, die Lust
eines schönen Anblicks und – die „Lust der Suppen“; nicht aber auserlesene
Feinschmeckersüppchen, sondern „bescheidene Suppen“ (litoì chyloí).
Mühelos könnte sich auch der moderne und andersmoderne Epikureer teilweise
von Suppe ernähren, mit viel Flüssigkeit und Wirkstoffen, sofern es sich
nicht um eine Fertigsuppe aus der Tüte handelt. Suppe zu essen ist die
maßvolle Lust der Autarkie, die der Askese Genüge tut; sie ist eine
entsagungsvolle Ernährung, die doch auch die Ekstase ermöglicht, denn das
Selbst kann außer sich geraten bei ihrem Anblick und ihrem Genuss.
4. Das Ziel der
Lebenskunst: Schönes Leben
Die ökologische Lebenskunst zeichnet sich nicht durch eine entsagungsvolle,
verhärmte Haltung des Subjekts aus, wie sie für „Ökologen“ im ausgehenden
20. Jahrhundert in der öffentlichen Wahrnehmung typisch erschien. Vielmehr
lebt das ökologische Selbst den größeren Lebensgenuss vor, dessen
Voraussetzung die volle Entfaltung der Sinne ist. Die ökologische
Lebenskunst, die einen Begriff vom schönen und bejahenswerten Leben zu geben
vermag, wird ihrerseits zum existenziellen Argument, das mehr
Überzeugungskraft für Andere in sich birgt, das Leben zu ändern und
ökologisch zu gestalten, als so manches Sachargument.
Grundlegend für die
Lebenskunst ist zuletzt, dem Leben ein Ziel zu geben. Auch hier ist es
jedoch für eine Philosophie der Lebenskunst erforderlich, dieses Ziel nicht
normativ festzulegen, sondern optativ offen zu halten. In der antiken
europäischen Philosophie wurde das Ziel gerne als „das Schöne“ (to kállos)
bezeichnet, ein ebenso faszinierender wie zerfließender Begriff. Sagte
jemand, er tauge nicht zur Philosophie, erhielt er von Diogenes umgehend zur
Antwort: „Wozu also lebst du, wenn du dich nicht darum sorgst, schön zu
leben?“ In der Tat kann man sich die Frage stellen, ob ein Leben ohne
Orientierung am Schönen überhaupt möglich ist. Daher erscheint es sinnvoll,
„das Schöne“ zu rehabilitieren und zugleich neu zu definieren, um dem
Begriff einen fassbaren Inhalt zu geben: Schön ist das, was als
bejahenswert erscheint. Als bejahenswert erscheint es in einer
individuellen Perspektive, die keine Allgemeingültigkeit beanspruchen kann.
Das Schöne sollte aber nicht zu einem ästhetizistischen Missverständnis
führen: Die eigentliche Macht der Schönheit liegt nicht in der
Perfektionierung, oberflächlichen Glättung und Harmonisierung der Existenz,
sondern in der Möglichkeit ihrer Bejahung. Bejahenswert kann keineswegs nur
das Angenehme, Lustvolle, „Positive“ sein, sondern ebenso das Unangenehme,
Schmerzliche, „Negative“ – weil es die tiefere Erfahrung sein kann, die
weiter bringt. Das Schöne umfasst auch das Misslingen, entscheidend ist, ob
das Leben insgesamt als bejahenswert erscheint.
Wenn das Motiv dafür, das
Leben überhaupt zu gestalten, von der Kürze des Lebens herrührt, dann der
Anstoß dazu, es schön zu gestalten, von der Sehnsucht nach der
Möglichkeit, es voll bejahen zu können. Schön ist das, wozu das Individuum
Ja sagen kann. Vor diesem Hintergrund kann der grundlegende Imperativ der
Lebenskunst formuliert werden, der jeden einzelnen Schritt des Individuums
in den Horizont der Gesamtheit der Existenz stellt und nur vom Individuum
selbst in Kraft gesetzt werden kann, ein einfach erscheinender
existenzieller Imperativ: Gestalte dein Leben so, dass es bejahenswert
ist. Das stellt den Prüfstein dar, an dem das eigene Leben immer wieder
gemessen und beurteilt werden kann. Sollte das Leben so, wie es gelebt wird,
nicht bejahenswert sein, dann wäre es zu ändern, denn es gibt nur diese eine
„Sünde wider den heiligen Geist“: Ein Leben zu führen, das nicht bejaht
werden kann. Das ist nicht so unpolitisch, wie es erscheint. Das schöne
Leben ist auch politisch zum Argument zu wenden, um an
gesellschaftlichen Verhältnissen zu arbeiten, die bejahenswerter sein
könnten als die gegenwärtigen, und die im Gegenzug wiederum eine
bejahenswertere Existenz ermöglichen würden. In keiner Weise ist mit der
Rede von Bejahenswertem schon eine Aussage darüber gemacht, ob das
Bestehende auch das Bejahenswerte sei.
So kann Lebenskunst
tatsächlich heissen, sich ein schönes Leben zu machen, im Sinne von:
Das Leben bejahenswerter zu machen, und hierzu eine Arbeit an sich selbst,
am eigenen Leben, am Leben mit Anderen und an den Verhältnissen, die dieses
Leben bedingen, zu leisten. Jedenfalls meint das schöne Leben nicht das
moderne konsumtive Glück, meist als angenehmer Dauerzustand vorgestellt,
voller Lust, ohne Schmerz – ein Zustand, den die meisten nicht erreichen und
darob unglücklich sind, während die, die ihn erreichen, auch nicht zu
beneiden sind. Es war der Utilitarismus, der das „Glück“ für die Moderne als
Maximierung von Lust und Eliminierung von Schmerz definierte. Wenn für das
schöne Leben der Begriff des Glücks überhaupt eine Rolle spielt, dann eher
der wiedergewonnene des antiken autarken Glücks, zurückzubeziehen auf
die aristotelische und epikureische Eudaimonia sowie die stoische Beatitudo:
Es beruht auf der Selbstaneignung und Selbstmächtigkeit des Individuums, das
sein Leben bewusst führt, ein Leben, aus dem die Widersprüche nicht
ausgeschlossen, sondern bestenfalls zu einer spannungsreichen Harmonie
zusammengespannt sind. Es handelt sich nicht unbedingt um das, was man ein
leichtes Leben nennt, eher um eines, das voller Schwierigkeiten ist, die zu
bewältigen sind, voller Widerstände, Komplikationen, Entbehrungen,
Konflikte, die ausgefochten oder ausgehalten werden – all das, was gemeinhin
nicht zum guten Leben und zum Glücklichsein zählt. Dazu zu befähigen, das
Leben unter Abwägung all seiner grundlegenden Aspekte richtig zu führen, ist
das Anliegen einer Wiederentdeckung der philosophischen Lebenskunst.
Vgl. Wilhelm Schmid, Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit sich
selbst, Reihe Bibliothek
der Lebenskunst, Frankfurt a. M. 2004 (Suhrkamp), 3. Auflage 2004.
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