|
Gespräch
über das Leben und
die
Philosophie |
 |
|
(Textprotokoll)
|
|
|
|
Spies:
|
Willkommen
zum alpha-forum, verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer. Im Studio begrüße
ich heute Professor Dr. Wilhelm Schmid, Philosoph, Buchautor, Kolumnist,
Vortragsreisender. Sein zentrales Thema – ein zentrales Thema der
Philosophie überhaupt – ist die Lebenskunst. Sie haben mit diesem Thema
in den letzten Jahren viele Leserinnen und Leser begeistern können: Warum
speziell dieses Thema?
|
|
Schmid:
|
Nun, ursprünglich
war das mein eigenes Problem, denn zum Thema "Lebenskunst"
kommt man nicht, weil man über sie bereits verfügt, sondern weil man sie
entbehrt. Das war für mich damals in so großem Maße der Fall, dass ich
mich damit nicht zufrieden geben wollte. Ich hatte der Philosophie
zugetraut, dass sie mich über das Leben belehren könnte, dass sie mir
zeigen könnte, wie man das Leben durchschaut, wie man herausbekommt, was
wichtig und was unwichtig ist im Leben. Das war einer der wesentlichen
Gründe, warum ich überhaupt Philosophie studiert habe. Nach zwei Jahren
war dann aber klar: In der Philosophie geht es um alles, aber nicht um
das Leben. Das war eine für mich sehr unangenehme Entdeckung. Als ich
dann meine akademischen Lehrer fragte, ob das nicht doch Hauptanliegen in
der Philosophie sei, bekam ich den freundlich gemeinten Rat, ich sollte
mal eine Psychotherapie machen. Das schien mir aber nicht angemessen zu
sein, also habe ich weiter gesucht, bis ich auf etlichen Umwegen bemerkt
habe: Lebenskunst war eigentlich das Uranliegen der Philosophie! Aber in
moderner Zeit ist das vergessen worden.
|
|
Spies:
|
Da
ging es Ihnen wohl wie so manchen Germanisten, die ihre Liebe zur
Literatur gefälligst zu unterdrücken haben, wenn sie ihr Studium
absolvieren – zumindest kommt es einem manchmal so vor. Wir sind damit
aber auch gleich an einem zentralen Punkt angelangt. Ihre Zunft blickt
doch auf das, was Sie machen, worüber Sie so publikumsnah schreiben und
vortragen, mit einer gewissen Distanz. Wie gehen Sie damit um?
|
|
Schmid:
|
Das
war schon mal schlimmer. Das wird buchstäblich von Jahr zu Jahr besser.
Die Kollegen bemerken ja: Da ist sehr viel dahinter und sie bemerken
auch, wie ich meine, dass ich das ganz ordentlich und sorgfältig mache.
Und so wachsen langsam auch jüngere Philosophen heran, die sich von
vornherein stärker mit der Philosophie der Lebenskunst beschäftigen. Noch
zehn oder zwanzig Jahre und das wird wieder Bestandteil von Philosophie
sein. Da gehört das auch hin, damit wir auf der Grundlage der bestmöglichen
Ausbildung, der größtmöglichen Kenntnis etwas Kluges dazu sagen können,
wie Menschen Leben bewältigen können – allerdings ohne das dem Einzelnen
vorzuschreiben, aber dem Einzelnen die Bedingungen und die Möglichkeiten
aufzuzeigen.
|
|
Spies:
|
Bevor
ich zu Ihren Motiven komme, überhaupt Philosoph zu werden und sich dann
dieses Themas anzunehmen, will ich wenigstens einen Titel von Ihnen
herzeigen, der so charmant ist und der sicher jeden und jede reizt:
"Mit sich selbst befreundet sein". Das ist eines der vielen
Bücher, die Sie geschrieben haben. Ihr Basis-Werk trägt den Titel
"Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung" und ist schon
älteren Datums, wurde jedoch inzwischen vielfach neu aufgelegt. Ihre
Publikationen bestechen den Leser sicher durch das, was Ihre Fachkollegen
möglicherweise z. T. ablehnen, nämlich durch Lesbarkeit, Verständlichkeit
und durch die tatsächliche Beschäftigung auch mit den praktischen Dingen
des Lebens bzw. den seelischen und geistigen Dingen des Lebens. Wenn man
so will haben Ihre Bücher also auch Ratgeber-Charakter. Kommen wir jedoch
noch einmal zurück zu Ihren Motiven. Sie haben selbst gesagt, dass Sie
sich ja sehr wohl aus bestimmten Gründen damit beschäftigt haben. Sie
sagten, Sie hatten das einfach nötig. Warum war es für Sie persönlich so
wichtig, die Kunst des Lebens zu erlernen?
|
|
Schmid:
|
Ich
bin unter wunderbaren Verhältnissen aufgewachsen, nämlich mitten auf dem
Land in Bayerisch-Schwaben und in einer Zeit, in den fünfziger und
sechziger Jahren, in denen zumindest auf dem Land das Leben noch sehr
stark eingebettet war in Tradition, in Religion, in Konvention.
Irgendwann ist mir dort diese Welt dann aber etwas zu eng geworden und
ich ging in die nächstgrößere Stadt, nämlich nach Augsburg. Dort galten
aber auf einmal ganz andere Gesetze: Da lösten sich menschliche
Beziehungen bereits auf, die auf dem Land noch ganz fest waren, da lösten
sich feste Denkweisen auf, da war viel mehr möglich zu denken und zu
fühlen und zu tun, als das unter ländlichen Bedingungen der Fall gewesen
war. Ich bin mit diesem modernen Leben einfach nicht zurechtgekommen. Ich
hätte gut leben können unter vormodernen Bedingungen, aber nicht unter
diesen modernen Bedingungen. Und leider war auch niemand in der Nähe, der
mir dieses Leben hätte erklären können. Zurück wollte ich aber auch
nicht. Also habe ich für etliche Jahre diesen Spagat gelebt, der sehr
schwer zu leben ist. Ich weiß heute, wie Menschen zumute ist, die einen
solchen Spagat zwischen den Welten leben müssen. Heute ist es ja längst
so, dass auch auf dem Land die Moderne reichlich eingezogen ist, fast zu
reichlich, wie man sagen muss. Es ging also darum, neu leben zu lernen,
und zwar unter modernen Bedingungen. Das war also zunächst einmal mein
ureigenstes persönliches Anliegen. Erst später, als ich dann in die
Öffentlichkeit gegangen bin und Seminare gemacht und Vorträge gehalten
habe, habe ich bemerkt, dass für sehr viele Menschen genau das ein
Problem darstellt und dass ich nicht nur etwas für mich selbst tun kann,
sondern auch für sehr viele andere Menschen, wenn ich mit diesen Menschen
diesen Weg gemeinsam gehe.
|
|
Spies:
|
Die
Philosophie ist ja zumindest heute ein brotlose Kunst und wer sagt, er
möchte Philosophie studieren, den schaut man etwas mitleidig an. Für Sie
jedoch war die Philosophie der Rettungsanker. Die Frage ist allerdings,
was da an diesem modernen Leben so schlimm war, was dieses moderne Leben
überhaupt ausgemacht hat, denn das war ja sicherlich nicht alleine die
Technik oder die Entfremdung in der Großstadt, denn da hätte es ja wohl
genügend Möglichkeiten gegeben, sich seine eigenen Räume und
Gemeinschaften zu schaffen.
|
|
Schmid:
|
Das
waren z. B. die häufig zerbrechenden und wechselnden Beziehungen. Das ist
modernes Leben. Unter vormodernen Bedingungen bleiben ja Beziehungen, wenn
sie erst einmal gegründet sind, sozusagen bis zur Bahre dieselben:
Freundschaftsbeziehungen, eheliche Beziehungen, Liebesbeziehungen usw.
Unter modernen Bedingungen zerbrechen jedoch Beziehungen sehr, sehr
leicht. Jeder Einzelne erhebt in der Moderne einen hohen Anspruch auf
seine persönliche Freiheit. Ich will davon nichts zurücknehmen, ich will
nur uns alle gemeinsam, und mich vorweg, dazu anhalten, mit dieser
Freiheit zurechtzukommen. Wir haben diese Freiheit ja lange verstanden
als eine Befreiung. Wir haben uns frei gemacht von Traditionen, von der
Religion usw. Nachdem nun der Zustand, frei zu sein von so vielem, real
geworden ist, haben wir und auch ich bemerkt, dass das der Zustand des
totalen Nichts ist. Und was jetzt? Jetzt bleibt nur eines, nämlich
aufgrund von Freiheit Beziehungen neu zu begründen, möglicherweise auch
die Religion wieder schätzen zu lernen usw. Es geht also um eine positive
Freiheit, wie wir Philosophen sagen: statt der negativen Freiheit von,
die positive Freiheit zu. Mir scheint, das werden wir auch als
Gesellschaft im Laufe dieses Jahrhunderts noch lernen müssen.
|
|
Spies:
|
Obwohl
ich ja genügend von Ihnen gelesen habe, um Sie richtig zu verstehen,
versuche ich jetzt mal absichtlich, Sie falsch zu verstehen. Sie befinden
sich damit ja eigentlich im Mainstream des derzeitigen Diskurses, denn in
dem geht es ja ganz stark um die Suche nach Werten, um möglicherweise
sogar die alten Werte. Es liegt auch nahe, Sie so zu verstehen, dass es
wieder eine Hinwendung zu den Religionen geben könnte, dass es eine
Rückbesinnung auf lebenslange Partnerbeziehungen geben sollte usw. Das
sieht vordergründig so aus, als wäre es eine bloße Rückkehr zu den alten
Werten, als wäre das Teil der allgemein grassierenden Retrobewegung. Ich
hoffe, ich verstehe das falsch.
|
|
Schmid:
|
Die
Moderne pendelt immer zwischen "pro" und "re": Mal
geht es einen Schritt vorwärts und mal geht es einen Schritt rückwärts.
Sie haben vollkommen Recht damit, heute ist eine Re-Zeit, also eine
Retro-Zeit, eine Recycling-Zeit usw. Wir erinnern uns heute daran, dass
da doch mal was war: Was war das eigentlich? Wollen wir uns das nicht mal
näher anschauen? Wollen wir möglicherweise re-konstruieren? Wollen wir z.
B. das Verhältnis zur Religion re-konstruieren? Das kann aber nicht ein Zurück
zu den vorherigen Verhältnissen sein. Warum? Weil wir diesen Weg zurück
aus Freiheit gehen! Es ist etwas ganz anderes, ob man religiös ist, weil
einen die Umwelt dazu gezwungen hat, weil es sanktioniert wird, wenn man
sich anders verhält, oder ob man wieder religiös wird, weil einem
einleuchtet, dass es da einen Bereich, eine Dimension gibt, die zu
verlieren uns nicht gut tut. Dann ist es nämlich eine freie Wahl sich
damit wieder zu befassen. Das Resultat wird dann vermutlich ein ganz
anderes sein: Freie Religiosität ist etwas anderes als gezwungene
Religiosität.
|
|
Spies:
|
Wobei
Religiosität immer den Wunsch nach Bindung ausdrückt. Aber dem berühmten
"autonome Wesen", das im 20. Jahrhundert entstanden ist –
zumindest in den modernen Gesellschaften als Bild der Menschen von sich
selbst –, widerspricht ja zunächst einmal die Suche nach einer neuen
Bindung.
|
|
Schmid:
|
Sehen
Sie, das ist genau das Problem. Denn alle verstehen Autonomie nur als
Befreiung von Bindung. Aber das bloße Wort sagt das genaue Gegenteil:
"autos" und "nomos" und das bedeutet, "sich
selbst" das "Gesetz" zu geben. Genau das ist aber die
stärkste mögliche Bindung, die es überhaupt gibt: Sich selbst das Gesetz
zu geben. In etwas milderer Form soll das heißen: "Ich alleine
entscheide darüber, ob ich eine religiöse Bindung eingehe und mir auf
diese Weise wieder das Gesetz gebe. Ich vermute daher, dass das 21.
Jahrhundert das Jahrhundert der Autonomie sein wird, aber im Sinne von
Autonomie als Selbstgesetzgebung und nicht mehr nur als Befreiung.
|
|
Spies:
|
Um
jetzt gleich mit einem weiteren Klischee zu kommen: Das wäre also dieser
vereinzelte Mensch, der sich selbst das Gesetz gibt und der daher in der
Gesellschaft, in der er lebt und womöglich auch in der Gesetzgebung, in
der er lebt, nur von sich aus entscheidet. Wie muss man sich das
vorstellen? Ist das ein Einzelgänger, womöglich einer, der alle Grenzen
sprengt?
|
|
Schmid:
|
Da
werden dann schon die anderen Einzelgänger da sein und ihm, wenn nötig,
seine Grenzen aufzeigen, wenn er diese sprengen möchte. Es wird jedoch
kein Weg daran vorbeiführen, dass es sich hier um freie und
selbstbestimmte Wesen handelt, jedenfalls um Wesen, die Anspruch auf
Selbstbestimmung unter modernen Bedingungen erheben. Ich sehe daher keine
Möglichkeit zu sagen: "Aber Ihr seid letztlich doch wieder alle
zwangsweise aneinander gekettet als Gemeinschaft!" Ich sehe nur
einen möglichen Weg zurück zur Gesellschaft, denn ich glaube, dass wir
tatsächlich ein Zurück zur Gesellschaft brauchen: Freie Individuen müssen
zu dem Schluss kommen, dass es ihnen wechselseitig gut tut, dass sie
größere Chancen und Möglichkeiten haben, wenn sie sich ein wenig
miteinander befassen und wenn sie Gesellschaft bilden. Und damit meine
ich wirklich Gesellschaft und nicht dieses lose Zusammensein, das wir
heute erleben, wo der eine dem anderen vollkommen egal ist. Nein, ich
meine damit, dass wir uns tatsächlich als Bürger einer Gesellschaft
verstehen und auf diese Weise zurückkommen zu einer neuen Bürgerlichkeit.
Und damit, nämlich mit "Bürgerlichkeit", liefere ich Ihnen
natürlich auch gleich das Stichwort, das ja heute wieder in vieler Munde
ist. Dies wird aber ganz gewiss nicht dieselbe Bürgerlichkeit sein, die
wir noch in den sechziger und siebziger Jahren erlebt haben.
|
|
Spies:
|
Wie
haben Sie es bei sich selbst erreicht – ohne Psychotherapie, wenn ich
davon ausgehe, dass Sie dem Rat Ihrer Lehrer nicht gefolgt sind –, das,
was intellektuell gut klingt, auch tatsächlich persönlich glauben und
leben zu können, also diese Freiheit von zu einer Freiheit für zu zu
machen? Braucht es dafür auch große Selbstdisziplin?
|
|
Schmid:
|
Ja,
natürlich, das hat sehr viel mit Disziplin zu tun. Disziplin ist ja eine
dieser alten Sekundärtugenden, auf die man lange glaubte verzichten zu
können. Ich jedoch bin der Ansicht, dass Selbstgesetzgebung, Autonomie,
Selbstbestimmung ein hohes Maß an Selbstdisziplin brauchen. Man darf sich
eben nicht pausenlos gehen lassen, sondern muss ein paar Dinge mit sich
vereinbaren und die dann auch einhalten: "In diese Richtung wollen wir
gehen!" Ich spreche absichtlich vom Ich als Wir, denn ich glaube, in
uns sind mehr als einer. Da beginnt nämlich die Gesellschaft: in uns und
nicht erst außerhalb. Daher betreibe ich ja auch dieses Nachdenken
darüber, wie man mit sich selbst befreundet sein kann. Und dann muss man
sich z. B. eben auch klar werden – und das war bei mir persönlich die
ganz konkrete Frage –, ob man alleine leben will oder ob man in einer
Familie leben möchte. Und wenn man in einer Familie leben möchte, dann
liegt es natürlich an einem selbst, sie zu gründen und dann auch zu
dieser Familie zu stehen. Das war für mich selbst ein viele Jahre
währender Prozess der inneren Auseinandersetzung. Ich musste vermutlich
das Alleinsein erst einmal bis zur Neige auskosten, wenn man das so sagen
kann. Denn in der Neige wird das dann nicht mehr so angenehm. Es hat also
eine ganze Weile gedauert bei mir, bis ich mich für eine Familie
entschieden habe, bis ich mich dazu entschieden habe, eine Familie zu
gründen. Und so habe ich das dann auch gemacht: Das war der richtige Weg,
das war diese Freiheit zu. Ich hatte ja die Freiheit, frei von Familie zu
bleiben, aber ich habe diese Bindung zu einer Familie gewählt und dann
auch gemeinsam mit meiner Frau eine Familie gegründet. Unsere Familie
existiert bis heute und ich fühle mich sehr wohl innerhalb dieser
Bindungen.
|
|
Spies:
|
Ich
will jetzt mal aufhören, Sie gezielt zu missverstehen, weil ich ja
schließlich in Ihren Büchern gelesen habe und mir sehr wohl ganz gut
vorstellen kann, wie Sie meinen, was Sie sagen. Ich muss aber eben ab und
zu auch im Sinne des Zuschauers ein bisschen missverstehen, weil das
alles ja auch missverständlich sein kann. Man sagt, zwei Leute können das
Gleiche tun, aber das ist doch nicht dasselbe. Zwei Leute können sich der
Religion wieder zu wenden und bei dem einen mag das reine Nostalgie sein,
während das bei dem anderen eine freie Entscheidung ist, wobei natürlich
klar ist, dass Freiheit immer auch etwas Relatives ist. Um jedoch zu
diesem Punkt zurückzukommen, wie man mit sich selbst befreundet sein kann
und zu den Mehreren, die in uns wohnen: Wie muss man das verstehen? Sie
meinen ja keine gespaltene Persönlichkeit, sondern Sie meinen die
Diskussion in sich selbst mit sich selbst, wobei diese Diskussion quasi
stellvertretend für die Diskussion mit der Außenwelt steht.
|
|
Schmid:
|
Es
gibt in jedem Menschen ein Denken und es gibt in jedem Menschen ein
Fühlen. Jeder Mensch macht früher oder später die Erfahrung, diese beiden
mögen sich nicht immer. Das Denken sagt z. B.: "Wir bleiben jetzt am
Computer sitzen!" Das Fühlen sagt jedoch: "Du solltest aber
auch mal deinen Körper wieder in Bewegung setzen!" Und was macht man
jetzt? Da bleibt nur, mit sich selbst befreundet zu sein, nämlich zu
sagen: "Für eine Weile machen wir das und dann machen wir
jenes!" Es geht jedenfalls immer darum, darauf zu hören, welche
Stimmen in einem sprechen, welche Stimmen melden welche Interessen an und
welche Bedürfnisse, verbunden mit dem Wunsch, wo immer es geht, diesen
Bedürfnissen zu folgen? Man darf nicht versuchen, einen dieser Teile,
eine dieser Stimmen auszuschließen aus dem Selbst. Viele Menschen
versuchen z. B. den Zorn aus sich auszuschließen. Sie mögen an sich
selbst die Zärtlichkeit, aber nicht den Zorn. Ich bin schon Zeuge
etlicher Versuche geworden, den Zorn auszuschließen. Das liebt aber der
Zorn überhaupt nicht: Dann wird er nämlich sehr zornig. Das soll heißen,
es ist sehr, sehr kontraproduktiv, den Zorn auszuschließen. Also bleibt
nur ein Weg, der sinnvoll ist, nämlich den Zorn so zum Ausdruck kommen zu
lassen, dass das nicht zerstörerisch ist, und zwar weder für einen selbst
noch für andere.
|
|
Spies:
|
Wie
macht man das beim Zorn, beim Zorn z. B. von Gruppen, die sich innerhalb
der Gesellschaft im Zuge der Modernisierung und Globalisierung benachteiligt
fühlen? Wie sollen sie ihren Zorn ausdrücken?
|
|
Schmid:
|
Es
kann sein, dass es unter bestimmten Bedingungen sogar ratsam wäre, diesen
Zorn auf die Straße zu tragen und an die Stelle hinzutragen, an die er
gehört. Ich bin jedenfalls keiner, der sagt: "Bleibe mit deinem Zorn
im privaten Kämmerlein!" Ich meine nämlich, dass das schlicht von
der konkreten Situation abhängt. Bei bestimmten Dingen wie z. B. der
ökologischen Entwicklung wundere ich mich sehr, dass sich der Zorn der
Menschen bereits eine geraume Zeit in Grenzen hält. Mein Zorn hält sich
hier nämlich keineswegs in Grenzen: Es hat mich sehr zornig gemacht, dass
denkende Menschen in der Lage sind zu übersehen, welche Alarmzeichen sich
bereits seit zehn, zwanzig Jahren aufbauen. Nein, da muss man erst
warten, bis auch Wissenschaftler zu einem entsprechenden Resultat kommen,
was aber erfahrungsgemäß immer etwas dauern kann, weil sie ja immerhin
eine große Datenbasis brauchen. Da sagt einem doch der gesunde
Menschenverstand schon viel früher, wohin die Reise hingeht. Wir hätten
hier also sehr wohl früher gegensteuern können.
|
|
Spies:
|
Zumal
dann, wenn man vom Land kommt und eigentlich noch eine relativ natürliche
Beziehung zur natürlichen Umwelt hat.
|
|
Schmid:
|
Na ja,
früher war das mal so. Heute sehe ich auf dem Land nicht so wahnsinnig
viele, die die Umwelt als Natur betrachten. Stattdessen haben die eher
mit Technik zu tun und mit Kunstdünger usw. Wir werden aber genau das
brauchen: Wir werden wieder eine Liebe zur Natur brauchen, denn sonst
wird all unsere Technik, die wir für die ökologische Umgestaltung
sicherlich auch brauchen werden, vergebens sein. Wir haben uns nämlich
mit der Moderne auch befreit von unserem Verhältnis zur Natur. Und das,
was wir heute erleben, ist das Resultat davon. Befreiung ist also nicht
immer ein Glück.
|
|
Spies:
|
Es
braucht also etwas Neues, nämlich Befreiung zu etwas, wie Sie in Ihren
Büchern fordern.
|
|
Schmid:
|
Wir
müssen der Freiheit Formen geben. Und dazu wird auch gehören, dem
Verhältnis zur Natur wieder eine Form zu geben. "Form" heißt:
begrenzen! Wir dürfen also nicht alles tun, was wir mit Natur machen
können. Wir können heute mit unseren technischen Mitteln die Natur
zweifellos zerstören. Aber müssen wir das auch? Können wir unsere Technik
nicht zu klügeren Dingen verwenden?
|
|
Spies:
|
Warum
fällt es Ihrer Meinung nach den Menschen so schwer, diese Art von
Lebenskunst auszuüben? Denn dass es ihnen schwerfällt, konstatieren Sie
ja selbst in Ihren Büchern. Und auch der allgemeine gesellschaftliche
Diskurs darüber legt nahe, dass es sehr schwierig ist, sich
zurechtzufinden in der modernen Welt. Aber der Mensch ist ja auch ein
Teil der Natur: Warum fällt es ihm also so schwer, diese besondere Art
von Freiheit, die er sich ja letztlich selbst errungen hat, dann auch
wirklich zu nutzen und ihr eine entsprechende Form zu geben? Sie
schreiben dabei ja, wenn ich Sie richtig verstehe, keine Inhalte vor,
außer beim Stichwort "Ökologie", wo Sie sehr wohl eine
Erhaltung der Natur in gewissem Umfang fordern. Ansonsten weisen Sie aber
eigentlich nur auf das "Wie" hin.
|
|
Schmid:
|
Auch
in der Ökologie. Mir liegt sehr daran zu sagen: "Ja, wir haben die
Freiheit uns zu zerstören." Nur darum geht es übrigens. Große
Schlagzeilen behaupten nämlich immer wieder, es ginge darum, die Erde zu
retten. Da dürfen wir uns aber nicht täuschen, denn die Erde müssen wir
nicht retten. Die Erde wird auch ganz gut noch nach uns existieren. Nein,
es geht wirklich darum, die menschliche Existenz zu retten, denn sie ist
möglicherweise in einem absehbaren zeitlichen Horizont bedroht. Dies
können wir uns denkend klar machen: durch wissenschaftliche Daten aber
auch durch Plausibilitätsüberlegungen in Bezug darauf, wie die Dinge
eigentlich zusammenhängen. Und dann kommt die große Schwierigkeit, diese
Schwierigkeit, die es gibt, seit es das Denken gibt: nämlich die Frage,
wie man vom Denken zum Tun kommt. Die Menschen können ja ohne weiteres
einsehen, dass es eine ökologische Problematik gibt. Aber dass das
irgendetwas mit dem Auto vor ihrem Haus zu tun haben könnte, ist für sie
schwer umzusetzen, denn dann müssten sie ja etwas tun. Sie müssten
vielleicht auf etliche Fahrten verzichten, sich vielleicht ein anderes
Auto kaufen, eines, das weniger Schadstoffe und vor allem CO2
ausstößt usw. Der große Schritt ist jedenfalls, wie man vom Denken zum
Tun kommt. Dies hat aber bereits vor 2000 Jahren Schwierigkeiten gemacht,
das ist also keine Neuerung. Eine Neuerung wäre nur, sich zu überlegen,
wie man diesen Übergang vom Denken zum Tun besser schaffen kann.
|
|
Spies:
|
Warum
ist dieser Übergang so schwer? Ich erwarte von Ihnen jetzt quasi unter
dem Stichwort "Lebenskunst" die Antwort darauf. Wie schaffen
wir diesen Übergang?
|
|
Schmid:
|
Dieser
Umgang ist so schwer, weil das einen Wechsel der ontologischen Ebene
darstellt, wenn Sie mir diesen philosophischen Fachbegriff gestatten.
|
|
Spies:
|
Ungern.
|
|
Schmid:
|
Die
Ontologie ist die Lehre vom Sein und es gibt unterschiedliche Ebenen des
Seins. Es gibt das Möglich-Sein und das Wirklich-Sein. Auf der Ebene des
Möglich-Seins ist eben alles möglich. Auf dieser Ebene bewegt sich das
Denken. Für das Denken ist also alles möglich. Wirklich-Sein ist aber das
Real-Werden einer Möglichkeit, während andere Möglichkeiten für eine bestimmte
Zeit von der Realisierung ausgeschlossen sind. Wenn man sich das wie eine
Sanduhr vorstellt, dann sieht das so aus: Oben, im Bereich der
Möglichkeiten, gibt es unendlich viele Sandkörner. Aber die Wirklichkeit
ist das Nadelöhr, durch das die Sandkörner durchmüssen. Die Frage lautet
also: Wie bekommen wir nun aus diesen unendlich vielen Sandkörner eines
durch dieses Nadelöhr? Das geht nur durch etwas, das man in der Antike
Asketik nannte. Das ist ein Begriff, der im Deutschen Wort "Askese"
noch ein wenig anklingt. Er klingt jedoch nur an, denn wir glauben ja,
Askese würde "Enthaltsamkeit" bedeuten. Dies ist aber nicht der
Fall, denn "Askese" vom griechischen "askesis" heißt
eigentlich "Übung". Es geht bei der Askese also um das Üben, um
das Üben dieses Übergangs, um von der Möglichkeit in die Wirklichkeit zu
kommen. Ein Beispiel: Ich esse gerne Schokolade. Ich könnte jeden Tag an
sich an die zehn Tafeln Schokolade essen. Die Frage ist nur, ob sich so
ein Wunsch, so eine Möglichkeit auch in der Wirklichkeit gut bewährt. Ich
stelle dann fest, dass genau das nicht der Fall ist: Das bewährt sich
nicht, das ist ungesund, das macht dick usw. Wie komme ich dann also zu
einem verträglichen Maß? Indem ich mich darin übe, die täglichen
Portionen zu reduzieren, bis man zu der Portion kommt, die sich gut
realisieren lässt, die sich in der Wirklichkeit bewährt. Ich weiß, das
klingt sehr, sehr banal. Aber ich siedle das bewusst auf dieser banalen
Ebene an, denn so – mit solchen banalen Beispielen – lernen wir diesen Übergang
vom Denken zum Tun. Und wenn wir das dann bei solchen Banalitäten
schaffen, dann können wir das auch bei anspruchsvolleren Dingen
bewältigen.
|
|
Spies:
|
Warum
fällt es Menschen so schwer, sozusagen bei dieser Bewegung der Sanduhr
dann auch tatsächlich zu handeln, wenn aus den vielen Möglichkeiten reale
Chancen, reale Handlungsfelder geworden sind? Die Menschen werden ja auch
sehr stark von Ängsten angetrieben: Eigentlich müssten doch diese Ängste
beim Stichwort "Umwelt" dafür sorgen, dass sich die Menschen in
Ihrem Sinne vernünftig verhalten. Warum funktioniert das nicht?
|
|
Schmid:
|
Die
Ängste waren offenkundig anders besetzt. Ich glaube auch, dass Ängste ein
wichtiger Antrieb für die Menschen sind. Daher fange ich ja auch in
meinem Buch "Mit sich selbst befreundet sein" mit Ängsten an,
wie ich sie selbst in starkem Maße erlebt habe. Ängste sind also ein
Antrieb. Wir glauben zwar oft, ein Leben ohne Ängste wäre am besten, aber
ein Leben ohne Angst ist gar nicht lebbar. Wir müssen uns immer wieder
ängstigen, damit wir wissen, worum es im Leben geht. Wenn ich mich um das
Leben ängstige, dann wird mir das Leben wertvoll. Wenn ich mich darum
ängstige, dass ich mit einem bestimmten Menschen vielleicht nicht weiter
zusammen sein kann, dann wird mir dieser Mensch wertvoll. Wir bekommen
also durch die Ängste eine Orientierungsrichtung. Im Hinblick auf die
ökologischen Dinge waren die Ängste offenkundig besetzt durch Angst vor
Arbeitslosigkeit, durch Angst davor, krank zu werden, Angst davor, nicht
genügend Rente zu haben usw. Das sind alles wichtige Ängste, aber es ist
nun einmal leider so: Wenn wir unsere ökologischen Probleme nicht lösen,
dann können wir uns diese Ängste alle sparen.
|
|
Spies:
|
Aber
das heißt doch, der Mensch hat ein bestimmtes Angstpotential, eine
bestimmte Angst-Möglichkeit, eine bestimmte Angst-Fähigkeit. Ich finde,
diese ist bereits ziemlich überstrapaziert.
|
|
Schmid:
|
Es
scheint ein existentielles Angstquantum zu geben, das nicht über- und
nicht unterschritten werden kann. Wenn wir weniger Angst haben, als
dieses Quantum vorsieht, dann sehen wir uns Krimis an, damit wir uns
wieder ordentlich ängstigen können. Wenn wir zu viel Angst haben, dann
werden wir lebensunfähig, dann ist es sinnvoll, diese Ängste mit
therapeutischen Methoden wieder auf ein vernünftiges Maß zu bringen.
Offenbar war das Angstquantum also voll und für ökologische Angst gab es
keinen Platz mehr. Nun ändern sich aber die Prioritäten. Warum? Weil
jetzt das Problem den Menschen an die Haut geht. Natürlich ängstigen wir
uns am meisten vor dem, was uns am dichtesten bevorsteht. Bei der
Ökologie schien es lange so, als hätte das mit uns nichts zu tun, weil
das entweder "nur eine Frage von Spinnern ist, die ohnehin immer nur
Katastrophen am Horizont sehen", oder weil das alles noch so weit
weg war. Gemäß dieser Ansicht hieß das: "Das betrifft also zuerst
einmal die Arktis und es sind ja doch ein paar Tausend Kilometer bis zu
uns." Erst in jüngster Zeit merken wir an den klimatischen
Veränderungen direkt vor unserer Haustür, dass uns das jetzt sehr wohl
direkt betrifft. Wir können also damit rechnen, dass das in absehbarer
Zeit die Angst Nummer eins wird. Das wird auch gut sein so, denn dann
werden wir entsprechend reagieren.
|
|
Spies:
|
Wir
reagieren also erst, wenn uns ein Problem auf der Haut brennt. Dieses
Trägheitsmoment ist ja offenbar sehr stark. Ist daher der Mensch
überhaupt in der Lage, diese globalen Probleme zu lösen? Ist er damit in
seinem So-Sein nicht letztlich doch überfordert?
|
|
Schmid:
|
Das
kann sein.
|
|
Spies:
|
Ist er
nicht z. B. viel zu sehr gebunden an die Angst vor dem eigenen Tod?
|
|
Schmid:
|
Es
kann sein, dass der Mensch von den Aufgaben, die sich jetzt stellen,
überfordert ist. Das ist jetzt eben das Spannende in diesem Jahrhundert:
Wir erleben zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ein Jahrhundert,
in dem die Existenz des Menschen auf dem Spiel steht. Dies ist nämlich im
21. Jahrhundert anders als im 20. Jahrhundert die Bedrohung durch die
Atomenergie, denn dies hätte nicht wirklich alle Menschen betroffen. Die
Klimaveränderung betrifft jedoch tatsächlich den gesamten Planeten.
Leider ist das so, obwohl wir modernen Menschen das fast alleine
verursacht haben. In diesem Jahrhundert wird sich also zeigen: Sind die
Menschen in der Lage, Gaben der Evolution, die sie bekommen haben,
nämlich z. B. die Fähigkeit, über ihre eigene Situation nachdenken zu
können – diese Fähigkeit ist in diesem Maße in der Tierwelt nicht
verbreitet – dazu zu nutzen, um sich in der Evolution halten zu können?
Oder scheidet die Evolution dieses Gewächs namens Mensch aus? Wir müssen
in Betracht ziehen, dass es sich tatsächlich so verhält. Aber ich möchte
gerne zu denen gehören, die bis zum letzten Tag alles dafür tun, dass die
Entwicklung eine andere sein wird. Ich habe Kinder und wer Kinder hat, der
kann nicht anders!
|
|
Spies:
|
Das
ist ein unwiderlegbares Argument. Dennoch die Frage: Warum haben Sie
dieses Temperament entwickelt, das Sie so kämpferisch sein und so viel
nachdenken und diese Profession des Philosophen betreiben lässt? Warum
geht es vielen modernen Menschen ganz offenbar nicht so? Man muss sich ja
nur einmal anschauen, wie wenig Menschen sich in der ökologischen
Bewegung engagieren, wie gering der Zulauf zu den Parteien ist und dass
sich das Interesse an der Politik im Grunde genommen auf einer
Unterhaltungsebene bewegt. Warum ist das so, wenn man nicht davon
ausgeht, dass die Menschen von vornherein dumm sind? Warum handeln die
Menschen also nicht?
|
|
Schmid:
|
Ich
gehe nicht davon aus, dass sich, wenn es ein neues Problem gibt, sofort
100 Prozent der Menschen auf dieses Problem stürzen müssen – oder auch
nur stürzen sollen. Nein, solche Dinge wachsen, das ist ein natürlicher
Prozess und diesen Prozess finde ich sehr, sehr schön. Erst kommen nur
ein paar wenige darauf, dass hier ein Problem vorliegt. Das war in der
Ökologie so, das war früher auch in anderen Bereichen schon so. Auch bei
der sozialen Problematik war es so, dass nicht gleich 100 Prozent der
Menschen davon überzeugt waren, dass das ein auf Lösung drängendes
Problem ist. Das sind also immer erst ein paar wenige. Typischerweise
sind das oft Menschen, die aufgrund von Krankheit oder Nervosität
hypersensibel sind. Das ist also ein Potential, das eine Gesellschaft
immer braucht, um genügend Sensibilität zu haben. Ursprünglich war das also
eine winzig kleine Gruppe und dann sind es ein paar mehr geworden. Heute
hat sich das so ausgewachsen, dass wir sagen dürfen: Die gesamte
Gesellschaft in Deutschland ist auf dem gesamten Planeten eine der
avanciertesten im Hinblick auf das ökologische Bewusstsein. Denn es ist
ja nicht so, dass das bei uns heute nur mehr ein kleines Grüppchen wäre.
Nein, das sind schon relativ viele Menschen und es werden von Tag zu Tag
mehr. Wenn der Prozess weitergeht, dann sind das in absehbarer Zeit 100
Prozent der Menschen in unserer Gesellschaft. Und dann brauchte es dafür
historisch betrachtet nur einen relativ kurzen Zeitraum, nämlich einen
Zeitraum von ungefähr 30 Jahren. Historisch gesehen ist das nämlich ein
verschwindend geringer Zeitraum.
|
|
Spies:
|
Sie
sind also offensichtlich neben allem anderen auch ein Optimist, wenn ich
Ihre Äußerungen mit dem vergleiche, was in jüngster Zeit in der
Öffentlichkeit an Untergangsszenarien dargeboten oder was an
verzweifelten Rufen nach neuen Werten und Wertsystemen gehandelt wird.
Sie scheinen letztlich ein neues Wertsystem bereits im Kopf zu haben,
egal wie neutral Sie Ihren Schülern bzw. Lesern entgegentreten.
|
|
Schmid:
|
Ich
bin ein optimistischer Pessimist. Ich bin pessimistisch wegen der
Wirklichkeitsnähe: Denn gerade in ökologischer Hinsicht gibt es leider
Anlass zum Pessimismus, dass das Umsteuern möglicherweise nicht mehr
rechtzeitig gelingt. Aber so möchte ich nicht leben, ich möchte dennoch
bis zum letzten Tag etwas tun und kämpfen. Und deswegen bin ich
optimistischer Pessimist, denn mit Optimismus kann man die Dinge besser
in Angriff nehmen. Für mich persönlich stimmt das so. Wenn ich etwas
davon manchmal Menschen mitgeben kann, dann bin ich froh. Aber ich lege
immer größten Wert darauf, anderen Menschen nicht eine ganze Skala von
Werten und Normen mitzugeben. Ich möchte, dass Menschen selbst aufgrund
eigener Einsicht dazu kommen. Dies aus einem bestimmten Grund: Ich bin
ein Mensch und damit bin ich, genauso wie jeder andere, irrtumsanfällig.
Es hat also keinen Sinn, wenn ich anderen sage, was sie zu tun haben. Zum
anderen ist es ja so, dass jeder Mensch für das, was er für richtig hält,
mit seinem ganzen Leben einstehen muss. Das muss er, da haben wir keine
Ausweichmöglichkeit, denn nur dieser Mensch wird dieses Leben so leben
und auch zu Ende bringen – und kein anderer. Das sollte man daher besser
in der Weise tun, die man selbst geprüft und für richtig befunden hat und
sie nicht von jemand anderem übernehmen.
|
|
Spies:
|
Das
ist neben der Autonomie das Stichwort "Selbstverantwortung",
auf die Sie großen Wert legen bei dem, was Sie schreiben.
|
|
Schmid:
|
Aber
auch das ist, wie gesagt, eine Möglichkeit, die ein Mensch ablehnen kann.
Ein Mensch kann selbstverständlich Selbstverantwortung ablehnen: Die
Gesellschaft muss dann sehen, was sie mit einem solchen Menschen macht.
Aber grundsätzlich ist das möglich. Ich glaube nur nicht, dass das klug
ist. Stattdessen ist es klug, die Selbstverantwortung wahrzunehmen, denn
man muss ja letzten Endes selbst dieses Leben leben: Man muss einstehen
für all das, was man tut und lässt.
|
|
Spies:
|
Ich
und Sie, wir beide müssen ja auch sterben. Sie setzen sich mit diesem
Thema des Älterwerdens, des Sterbens ebenfalls intensiv auseinander. Ich
habe gelesen, dass Sie beschlossen haben, ab 60 werden Sie alt sein! Wenn
ich richtig gerechnet habe, dann sind Sie jetzt 54 Jahre alt und haben
daher diesbezüglich noch eine gewisse Zeit vor sich, während es für mich
schon ein Stück schlechter aussieht. Warum sind Sie da so rigide und
nennen sich ab 60 selbst einen alten Menschen? Wie gehen Sie mit Ihrer
Todesangst um?
|
|
Schmid:
|
Ab 60
möchte ich alt sein, um nicht älter zu sein. Denn "älter" ist
ja die Steigerungsform von "alt". Mir reicht es eigentlich
schon, alt zu sein. Ich wundere mich daher über die vielen Menschen
heute, die "älter" sein wollen. Keiner möchte sich heute mehr
als "alt" bezeichnen lassen, sondern jeder beharrt darauf, er
sei lediglich "älter". Aber das kann ja nur heißen: Er ist
älter als alt. Die eigene Angst vor dem Sterben gibt es und das war
vermutlich schon vor mehr als 2500 Jahren Anlass für Philosophen, über
das Leben und das Sterben nachzudenken. Ich glaube nicht, dass die
Philosophie oder sonst eine Lehre ein wirksames Mittel zu bieten hat, um
die Angst vor dem Sterben und dem Tod loszuwerden. Darauf ziele ich aber
gar nicht, denn es würde mir schon reichen, wenn ich mich einigermaßen
damit befreunden kann, dass es Sterben und Tod nun einmal gibt: nicht nur
für andere, sondern letzten Endes auch für mich. Ich stelle da
verschiedene Überlegungen an, die ein Philosoph auf diesem Gebiet nun
einmal anstellt. Ich stelle mir z. B. vor, was wäre, wenn es überhaupt
keinen Tod mehr gäbe, wenn also das real werden würde, was sich viele
Menschen und was ich mir vielleicht auch wünschen würde. Wäre das dann
noch ein lebbares Leben, also ein Leben, das überhaupt nicht mehr endet?
Auch in 10000 Jahren nicht, in 100000 Jahren nicht? Was würden wie denn
die ganze Zeit über machen? Wird Leben noch wertvoll, noch sinnvoll sein,
wenn es so unendlich währt? Ich glaube also, wir haben Grund zu der
Annahmen zu sagen: Der Tod hat Sinn. Dies auch dann, wenn er für einen
selbst unter bestimmten Umständen keinen Sinn zu haben scheint, denn
letztlich hat er vermutlich doch Sinn. Die weitergehende Überlegung
lautet dann: "Wer sagt mir denn, dass das Leben danach wirklich zu
Ende ist?" Woher wissen wir modernen Menschen denn, dass das Leben
mit dem Tod wirklich zu Ende ist? Das ist ein Glaube – genauso wie der
gegenteilige Glaube auch. Wenn beides ein Glaube ist, also sowohl die
Annahme, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, wie die Annahme, dass es
kein Leben nach dem Tod gibt, dann wählt man eben eine von diesen beiden
Glaubensmöglichkeiten. Man wählt die, mit der man besser leben kann. Und
hier fällt zumindest mir die Entscheidung überhaupt nicht schwer.
|
|
Spies:
|
Das
heißt, Sie glauben an ein gewisses Leben nach dem Tode?
|
|
Schmid:
|
So ist
es.
|
|
Spies:
|
Wie
stellen Sie sich das vor?
|
|
Schmid:
|
Ich
habe da keine genauen Vorstellungen. Ich weiß ja auch nicht, ob es
wirklich so ist, ich setze nur darauf. Und wenn ich mich geirrt habe,
dann habe ich halt Pech gehabt. Aber so nehme ich mir eben vor, dass ich
all das im "Jenseits" machen kann, was ich in diesem Leben
nicht realisieren kann – und das ist eine Unmenge. Wenn ich alleine nur
an die Berufe denke, die ich ebenfalls gerne gewählt hätte. All das will
ich also in meinem künftigen Leben realisieren. Wenn ich keine
Gelegenheit dazu habe, weil es kein künftiges Leben gibt, dann macht das
auch nichts, denn dann weiß ich ja nichts davon.
|
|
Spies:
|
Sehr
beruhigend.
|
|
Schmid:
|
Ja,
für mich schon. Ich sehe jedenfalls, dass Menschen, die daran glauben,
dass das Leben mit dem Tod zu Ende ist, oft in ungeheuren Lebensstress
geraten. Denn sie müssen ja all das, was sie sich für dieses Leben
vorgenommen haben, innerhalb dieses Lebens realisieren. Die haben da gut
zu tun und dennoch werden sie bis zum letzten Tag nicht fertig werden.
Und dann scheiden solche Menschen unzufrieden aus dem Leben. Ich habe
solche Menschen schon öfter vor mir gesehen bei meiner Arbeit, die ich
als Philosoph in einem Krankenhaus mache. Diese Menschen sind dann
oftmals wirklich bis zur letzten Sekunde verzweifelt. Das ist kein
schönes Sterben.
|
|
Spies:
|
Aber
mit der Vorstellung von einem Leben nach dem Tod oder sogar mehreren
Leben nach dem Tod kann natürlich auch ein arger Fatalismus einhergehen,
der eigentlich Ihrer Vorstellung vom Selbst und von der Entwicklung des
eigenen Selbst und des mit sich selbst Befreundens widersprechen würde.
Denn es ist ja ein sehr aktives Selbst, das Sie beschreiben.
|
|
Schmid:
|
Wenn
sich daraus ein Fatalismus ergäbe, dann würde ich mich ja zurücklehnen
und sagen: Die ökologische Zerstörung? Was kümmert mich das? Das ist im
Weltlauf so vorgesehen! Ich mache aber doch offenkundig das genaue Gegenteil.
Also folgt aus dieser Haltung, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, kein
Fatalismus.
|
|
Spies:
|
Bei
dieser Arbeit als Seelsorger in einem Krankenhaus in Zürich sind Sie mit
den Themen Tod, Schmerzen, Krankheit und Alter immer wieder beschäftigt.
Warum haben Sie diese Tätigkeit angefangen? War das der Versuch, aus dem
berühmten Elfenbeinturm in die Realität zu kommen als Philosoph? Oder
wäre das zu platt ausgedrückt?
|
|
Schmid:
|
Das
war eigentlich gar nicht meine Idee gewesen, sondern der Ursprung für das
Ganze war ein Text von mir über den Sinn der Schmerzen, der in meinem
Buch "Schönes Leben" enthalten ist. Diesen Text haben die
leitenden Ärzte einer Klinik vor Augen bekommen und fanden das sehr
kurios. Sie haben mich dann zu einem Vortrag eingeladen. Ich fuhr dorthin
mit der inneren Gewissheit, dass ich mich damit in die Höhle des Löwen
begebe, dass man sich aber ab und zu auch mal herausfordern und mutige
Dinge tun müsse. Zur beiderseitigen Verblüffung haben wir uns dann aber
sehr, sehr gut verstanden. Die Ärzte sagten: "Sie haben vollkommen
Recht. Schmerzen sind nicht nur etwas, das man bekämpfen kann, Schmerzen
sind grundsätzlich etwas, das man auch integrieren kann – wo es sinnvoll
ist und selbstverständlich nicht dort, wo das nicht sinnvoll ist." Und
dann machten sie mir den Vorschlag, ich solle doch mal zwei Wochen zu
ihnen in die Klinik kommen, um dort zu arbeiten als Philosoph. Das
empfand ich zunächst als eine sehr merkwürdige Idee: Was soll ein
Philosoph im Krankenhaus? Heute, nach zehn Jahren Arbeit, denke ich mir:
Wie kommen eigentlich die vielen anderen Krankenhäuser ohne einen
Philosophen aus? Denn selbstverständlich gibt es in einem Krankenhaus
viele Menschen – nicht nur die Kranken dort, sondern auch diejenigen, die
dort arbeiten, einschließlich der Ärzte –, die sich eine Unmenge an
Fragen stellen: über das Leben, über den Tod, über Krankheit usw. Sie
hätten alle dringend Gesprächsbedarf, aber es ist kaum jemand da, mit dem
sie darüber sprechen können – von den Theologen und einigen Psychologen
abgesehen. Es ist wirklich niemand da, um mit ihnen, wie ich das
mittlerweile gerne nenne, Lebensgespräche zu führen. Ich habe sie
mittlerweile schon oft geführt und habe auf diese Weise Einblick in die
Schicksale vieler Menschen gewonnen. Dadurch habe ich etwas bekommen, das
der Philosophie sonst in der Tat abgeht, nämlich viel mehr satten
Eindruck von wirklich gelebtem Leben, um mit dem Denken darauf besser
reagieren zu können. Das Buch "Mit sich selbst befreundet sein"
hätte nicht geschrieben werden können ohne diese reichhaltige Erfahrung
im Hintergrund.
|
|
Spies:
|
Sie
machen, wenn ich das richtig gelesen habe, Ihre Arbeit in diesem
Krankenhaus unentgeltlich.
|
|
Schmid:
|
Nein,
sie wird bezahlt von Spendengeldern – aber tatsächlich nur von
Spendengeldern, also nicht von irgendeiner Krankenkasse oder aus
öffentlichen Mitteln.
|
|
Spies:
|
Sie
haben jedoch keine philosophische Praxis eröffnet, wie es sie in
Deutschland vereinzelt nun auch gibt. Sie leiten auch kein
Philosophisches Café: auch dies eine Erscheinung, die vor ein paar Jahren
modern geworden ist und sicherlich nicht die schlechteste
Abendbeschäftigung darstellt, wie ich meine. Stattdessen führen Sie von
Ihnen so genannte Lebensgespräche. Sie machen das aber nicht nur im
Krankenhaus.
|
|
Schmid:
|
Nein, nur
im Krankenhaus.
|
|
Spies:
|
Sie
sind also sonst kein philosophischer Berater? Eine solche Praxis haben
Sie nicht?
|
|
Schmid:
|
Ich
achte die Arbeit von Kollegen in philosophischen Praxen und überhaupt als
Praktiker außerordentlich, aber ich selbst kann sie mit meinem Gewissen
nicht vereinbaren. Denn ich möchte, dass jeder Mensch, der Bedarf hat,
sich mit solchen Gedanken auseinanderzusetzen, zu mir persönlich kommen
kann: nicht um nun ein Gespräch von ein, zwei Stunden zu führen, sondern
zu einem Vortrag und einer anschließenden Diskussion. Danach kann es
möglicherweise auch noch eine persönliche Diskussion geben. Zu einem
solchen Vortrag hat jeder Mensch Zugang. Wenn ich eine Praxis hätte, dann
müsste ich dafür logischerweise auch einen bestimmten Geldbetrag nehmen.
Dies würde von vornherein eine Menge Menschen ausschließen, von denen ich
aber weiß, dass sie die Bedürftigsten sind.
|
|
Spies:
|
Was
kann denn der Philosoph den Menschen geben, was ihnen der Psychologe
nicht geben kann?
|
|
Schmid:
|
Psychologen
können grundsätzlich auch Philosophie vermitteln. Ich kenne heute viele
Psychologen, die sich auch für die philosophische Seite interessieren und
sagen, dass sie das in ihrer täglichen Praxis einfach brauchen. Aus
diesem Grund arbeite ich relativ viel mit Psychologen zusammen. Das, was
ein Philosoph beitragen kann und was in anderen Professionen nicht schon
von vornherein vorhanden ist, ist die Aufmerksamkeit gegenüber Begriffen.
Nehmen wir mal z. B. den Begriff "Leben". "Leben" ist
zunächst einmal nur ein Wort: Wir gebrauchen dieses Wort sogar relativ
häufig. Das Wort an sich sagt also noch nichts, aber wir stellen uns
etwas vor, wenn wir dieses Wort äußern. Wir machen uns also eine
Vorstellung vom Leben. Diese Vorstellung bezeichnen Philosophen als
Begriff. Das ist also ein Wort, aber eines mit Inhalt, nämlich den
Vorstellungen, den Ideen, den Erwartungen, den Wünschen usw. In solchen
Lebensgesprächen spreche ich dann z. B. mit Menschen über ihren Begriff
von Leben. Ich spreche auch über viele andere Dinge mit ihnen, aber
dieser Begriff von Leben ist doch einer, der sehr häufig vorkommt. Welche
Vorstellung hat der einzelne Mensch vom Leben? Denn jeder lebt ja nach
dieser Vorstellung, jeder hat deswegen sehr wohl eine Orientierung in
seinem Leben. Und diese Orientierung beziehen wir aus diesem Begriff.
Häufig haben wir diesen Begriff nicht selbst gemacht, sondern ihn
übernommen. Junge Leute von heute übernehmen diesen Begriff z. B. sehr
gerne von dem, was sie in den Medien an Leben vorgeführt bekommen: Leben
muss ein Spektakel sein! Na gut, aber was passiert mit so einem Menschen,
wenn das Leben vor allem im Alltag gerade kein Spektakel ist? Dann
versteht so jemand das Leben nicht mehr. Also versuche ich Menschen
anzuregen, darüber nachzudenken, ob sie einen angemessenen Begriff von
Leben haben. Könnte es sein, dass sie da noch nachjustieren müssen? Ich
sage nur, dass das sein könnte, ich sage niemandem, wie der richtige
Begriff des Lebens ist, denn den einzig richtigen Begriff gibt es nicht:
Es gibt immer verschiedene richtige Begriffe, nämlich diejenigen, die
dann wirklich gut gelebt werden können.
|
|
Spies:
|
Vielen
Dank für dieses Gespräch. Wenn ich Sie richtig verstehe, dann würden Sie
jungen Leuten immer noch raten Philosophie zu studieren.
|
|
Schmid:
|
Ja,
absolut, sie strömen ja auch zu den Philosophen. Und es wird ja auch von
Jahr zu Jahr besser im Hinblick darauf, dass auch solche Fragen in der
Philosophieausbildung Platz haben: auch solche Fragen. Denn ich möchte ja
die Disziplin "Philosophie" vollständig erhalten wissen mit all
ihren Teildisziplinen, die manchmal etwas kompliziert sind, die wir aber
ganz gut brauchen können, um das Leben besser zu verstehen.
|
|
Spies:
|
Herr
Professor Wilhelm Schmid, vielen Dank für Ihren Besuch und für dieses
interessante Gespräch. Ihnen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, vielen
Dank für Ihre Aufmerksamkeit und bis zum nächsten alpha-forum.
|
|