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Die Freiheit als Befreiung
macht eine eigene Lebensführung erst zur Notwendigkeit. Denn das ist die
Situation des modernen Individuums: Frei zu sein von religiöser
Bindung, denn es ist auf keine Religion mehr festgelegt, auf kein
Jenseits mehr vertröstet. Aber die Folge ist, auf kleine und große Lebens-
und Sinnfragen nun selbst Antworten finden zu müssen. Frei zu sein von
politischer Bindung, denn aufgrund der Befreiung von jeglicher
Bevormundung vermag jeder Mensch eigene Würde und Rechte gegen
Fremdbestimmung geltend zu machen. Aber mit der Konsequenz, dass die
Selbstgesetzgebung (die ”Autonomie” im Wortsinne) sowohl individuell wie
auch gesellschaftlich zur ebenso mühsamen wie unumgänglichen Aufgabe wird.
Frei zu sein von ökologischer Bindung, denn mit Hilfe von
Wissenschaft und Technik gelingt die Befreiung von Vorgaben der Natur und es
entstehen neue Lebensmöglichkeiten. Aber damit geht die schmerzliche
Erfahrung einher, die eigenen Lebensgrundlagen verletzen zu können, und so
käme es darauf an, schon aus Eigeninteresse (sofern da noch eines ist, das
so weit reicht) eine ökologische Haltung neu zu begründen. Frei zu sein auch
von ökonomischer Bindung, die zunächst noch darin bestand, dass die
freie wirtschaftliche Tätigkeit einiger zur Hebung des Wohlstands aller
beitragen sollte. Aber die Befreiung davon sorgt für soziale Kosten, deren
Bewältigung größte Mühe macht. Frei zu sein schließlich von
gemeinschaftlicher Bindung: Das vor allem ist der Befreiungsprozess, der
das moderne Individuum erst hervorgetrieben hat, losgelöst aus seinem
Eingebundensein in Gemeinschaften, befreit (”emanzipiert”) von erzwungenen
Rollenverteilungen, sexuell befreit von überkommenen Moralvorstellungen,
befreit überhaupt von Moral und Werten, die als ”überholt” angesehen werden.
Anstelle von Gemeinschaft entsteht die Gesellschaft als Zusammenkunft freier
Individuen. Alle Formen sozialer Gemeinschaft werden fragmentiert: Die
Großfamilie schrumpft zur Kleinfamilie, deren Bruchstücke führen zur
Patchworkfamilie und zum Singledasein, bis schließlich nicht nur der
”Individualismus” wirklich wird, sondern auch die Selbsteliminierung des
Individuums möglich ist: die letzte ”Befreiung”.
Aber
selbst demjenigen, der noch auf gewöhnliche Weise seiner Arbeit nachgehen
kann, stellt sich in wachsendem Maße das Problem, keinen Bezug zur Arbeit
zu haben. Ein Grund dafür kann sein, in äußerst komplexen
Arbeitsabläufen die Bedeutung des eigenen Beitrags nicht mehr zu sehen, oder
aber der Arbeit selbst keine Bedeutung zuzumessen, sie nur als äußerlichen
Job zu betrachten, um Geld zu verdienen und ”getrennt davon bin ich”, eine
Abspaltung der Arbeit vom Selbst. Genau in diesen Spalt nistet sich jedoch
die Erfahrung von Sinnlosigkeit ein. Wer ohne Sinn lebt, wird zynisch,
verachtet die Welt und sich selbst, hasst sich für das, was er tut; eine Art
von Selbst-Sabotage.
”Was ist
der Sinn dessen, was ich mache?” Eine wachsende Zahl von Menschen in der
modernen Gesellschaft sieht keinen Sinn mehr in der Arbeit, in allen
Bereichen und auf allen Ebenen der Gesellschaft. Die Frage nach dem Sinn
wirft über die Arbeit hinaus die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens auf:
kein Zusammenhang der Arbeit, keiner zwischen Arbeit und Leben, keiner im
Leben. Wer nicht nur in der Arbeit, sondern im ganzen Leben keinen Sinn mehr
sieht, kann sich selbst mit hartnäckigem ”Positivdenken” nicht über die
eigentliche Leerstelle hinweghelfen. Der Rückzug auf ein bloßes
”Funktionieren” hilft nicht weiter. Wenn es zutrifft, dass Sinn Zusammenhang
ist und dass er als solcher Halt zu vermitteln vermag, dann muss die
Abwesenheit von Zusammenhängen zwangsläufig zur Erfahrung von Sinn- und
Haltlosigkeit führen.
Durch Geld
ist Sinn nicht zu ersetzen: Materielle Sinn-Zusammenhänge sind
weniger ergiebig als ideelle, sie setzen nicht dieselben immensen
Energien frei. Wird die Sinnlosigkeit denn nicht verursacht vom
Leistungsdruck der modernen Wirtschaft und Gesellschaft, der unerträglich
groß geworden ist und die Menschen ruiniert? Aber das zentrale Problem ist
nicht, dass der Leistungsdruck wächst, sondern dass die Ressourcen
schwinden, ihn auszuhalten. Zu diesen Ressourcen gehört der ”Sinn” an erster
Stelle. Nun rächt es sich, dass Gesprächspartner für diese Frage oft fehlen,
dass, wer die Sinnfrage stellt, als Problemfall abgetan wird. Meist von
Menschen, die nur zu gut ahnen, dass diese Frage in Tiefen führen könnte,
die sie lieber nicht kennen lernen wollen.
Während Sinn unbegrenzte
Kräfte freisetzt, macht Sinnlosigkeit kraftlos, ausgebrannt, krank, und
spätestens die Krankheit zwingt nun doch zum Nachdenken. Die Erfahrung des
”Ausgebranntseins” ist ein zuverlässiger Indikator für die Dringlichkeit der
Frage nach Sinn. Ein Burnout entsteht dort, wo jeglicher Sinn
zerbricht. Das ist insofern problematisch, als ”Sinn” nicht nur die
Lebensquelle des Einzelnen, sondern auch der Rückhalt der gesamten
Gesellschaft ist; selbst ein ”System” kann auf Dauer nicht ohne Sinn
existieren. Das galt für das System des Sozialismus und gilt in gleicher
Weise für dasjenige des Kapitalismus. Von heute auf morgen kann die Frage
nach Sinn das Leben umstürzen und ganze Systeme zum Einsturz bringen.
Sehr viel hängt daher
davon ab, ob der Arbeit und dem Leben Sinn gegeben werden kann oder nicht.
Wie weit Arbeit, Leben und Sinn auseinander gedriftet sind, verrät die Rede
von einer Work-Life-Balance: Arbeit und Leben, harte Arbeit und
Lebensgenuss, Beruf und Familie, Sinnloses und Sinnvolles sollen miteinander
zu vereinbaren sein. Aber schon vom Begriff her verweist der angestrebte
Ausgleich auf das eigentliche Problem, das zugrunde liegt: Weil
Arbeit nicht mehr als Bestandteil eines sinnvollen Lebens wahrgenommen
werden kann, muss zwangsläufig nach einer ”Balance” beider gesucht werden.
Das Problem, und folglich
die Lösung, könnte auf Seiten des Begriffs der Arbeit selbst zu finden sein.
Denn was ist Arbeit? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: eine
Stelle zu haben und eine Aufgabe gemäß Stellenbeschreibung zu erfüllen, um
vom Ertrag leben zu können. Doch das ist nur das in der
Industriegesellschaft entstandene moderne Verständnis des Begriffs, dessen
Geschichte sich schreiben lässt. Versuchsweise ließe sich der Begriff auch
noch anders definieren, und das soll hier nun unternommen werden: Arbeit
ist all das, was ich in Bezug auf mich und mein Leben leiste, um ein schönes
und bejahenswertes Leben führen zu können. Jede Aufmerksamkeit und jeder
Aufwand an Kraft hierfür kann dann Arbeit sein, körperlich, seelisch,
geistig. Das bringt Arbeitsfelder in den Blick, die bisher eher missachtet
wurden und dennoch von Bedeutung sind.
Vorweg die Arbeit an
sich selbst um einer Selbstbefreundung willen: Diese Arbeit ist dem
jeweiligen Menschen selbst vollkommen zu Eigen, ihr kann er sich ganz und
gar widmen, irgendwelche Arbeitslosigkeit ist hier nicht zu erwarten. Und es
ist gerade diese Arbeit, die die Voraussetzung für alle weiteren Arbeiten
darstellt und sie durchdringt. Sich mit sich zu befreunden erfordert, die
widerstreitenden Teile in sich selbst in ein gedeihliches Verhältnis zu
bringen, sie im Idealfall zur spannungsvollen Harmonie zusammen zu spannen.
Gegensätzliche Seiten können sich trotz allem miteinander befreunden und
eine kreative Spannung aus dem Verhältnis zueinander beziehen: etwa das
Denken und das Fühlen, der Freiheitsdrang und das Bedürfnis nach Bindung,
die männliche und die weibliche Seite in ein und demselben Menschen.
Selbstfreundschaft ist dabei nicht etwa ein Selbstzweck, sondern die
unverzichtbare Grundlage für die Zuwendung zu anderen. Denn wer zu sich
selbst kein sinnvolles Verhältnis hat, kann auch zu anderen keines eingehen;
er ist ja viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
Wer aber mit sich
befreundet ist, kann auch anderen ein Freund sein. Selbstfreundschaft ist
daher die Grundlage für die weitergehende Arbeit an Freundschaft, die
von modernen Menschen bewusst zu leisten ist, um engere Bindungen zu anderen
neu zu begründen. Nur in vormodernen Kulturen gehört die Pflege der
Freundschaft noch zum Bestand fragloser Selbstverständlichkeiten. Und welche
Bedeutung hat doch die Freundschaft fürs Leben! Mit dem wahren Freund können
die Gespräche geführt werden, auf die so viel im Leben ankommt: die tieferen
Gespräche, in denen es darum geht, das Leben zu deuten und zu
interpretieren, Geschehnisse, Begegnungen und Erfahrungen miteinander zu
besprechen und Schlüsse daraus zu ziehen.
Darüber hinaus ist die
Familienarbeit von Bedeutung. Sie besteht darin, die engsten Beziehungen
zu pflegen, das schwierige Zusammenleben zu organisieren, die Hausarbeiten
zu erledigen, den gemeinsamen Rhythmus fürs Leben zu finden, den familiären
Alltag zu bewältigen, Kinder zu erziehen. Zugegeben, vor allem die männliche
Seite der Gesellschaft hat hier einen gewissen Nachholbedarf. Aber es führt
kein Weg daran vorbei, denn vom Verfall der Beziehungen infolge moderner
”Befreiung” ist die Familie in ihrem Kern getroffen worden. Familie gibt es
in dieser Situation nicht mehr aufgrund von Tradition, Konvention oder gar
Religion, sondern ausschließlich auf der Grundlage einer freien Wahl der
Beteiligten. Für diese Wahl gibt es gute Gründe, insbesondere die
Verwirklichung von Werten wie Geborgenheit, Vertrautheit, Liebe, und
schließlich die Weitergabe von Leben, die als schön und bejahenswert
empfunden werden kann, nicht mehr nur als bloße Konvention und Tradition wie
in vormoderner Zeit. Die Mühe, die das Zusammenleben zuweilen macht, wird
reich entlohnt: Menschen, die in familiären Bindungen leben, noch dazu mit
Kindern, stellen sich in aller Regel die Frage nach dem Sinn des Lebens
nicht mehr: Das Leben in Familie und mit Kindern ist der Sinn.
Je poröser aber nicht nur
die Familie, sondern die gesamte Gesellschaft wird, umso größere Bedeutung
gewinnt über die privaten Belange hinaus die Bürgerarbeit, beginnend
mit der Gestaltung der Begegnung mit anderen im Alltag. Denn bereits
morgens, wenn wir das Haus verlassen, begegnen wir anderen, und niemand kann
behaupten, dass es gleichgültig sei, dabei in abweisende Gesichter zu
blicken. Machen wir uns auch Gedanken darüber, wie unser eigenes Gesicht für
andere aussieht? Das ist die banale, alltägliche Ebene der Bürgerarbeit. Die
anspruchsvollere, weniger alltägliche Arbeit ist das Engagement im so
genannten ”dritten Sektor” der Gesellschaft, neben Staat und
Privatwirtschaft, um soziale Dienste zu leisten und Selbsthilfe zu
organisieren, jeder so, wie er kann. Materiell ist dabei wenig zu verdienen,
ideell jedoch umso mehr: Es ist erstaunlich, aber Sinn der Arbeit und
Lebenssinn lassen sich erfahrungsgemäß vor allem hier erfahren, ausgerechnet
bei dieser Arbeit, die schlecht oder überhaupt nicht entlohnt wird.
Vielleicht, weil die Freiheit der Arbeit hier am stärksten erfahrbar ist.
Ins Blickfeld rückt
schließlich auch die Muße als Arbeit, mag auch der bloße Begriff
schon als kurios erscheinen. Für moderne Menschen wird es zu einer eigenen
Aufgabe, sich vorsätzlich mit dieser Haltung zu befassen, mit der neue
Perspektiven zu gewinnen sind: Arbeit ist keineswegs nur ein Tun, sondern
ebenso ein Lassen, nicht nur Aktivität, sondern auch Passivität, die in
moderner Zeit jedoch vernachlässigt worden ist, so dass der Einzelne nicht
mehr zur Besinnung kommt und Zusammenhänge nicht mehr zu sehen vermag. Die
Kultur der Moderne legitimiert allein den Aktivismus, ein Handeln um
des Handelns willen. Aber es erscheint sinnvoll, sich versuchsweise auch auf
einen gelegentlichen Passivismus einzulassen, und sei es nur für eine
Stunde oder Viertelstunde jeden Tag; nicht um den Aktivismus abzulösen,
sondern um ihn auszubalancieren. Diese Zeiten der Muße werden zu Zeiten des
Nachdenkens über den Sinn der Erfahrungen des Tages wie auch ”den Sinn” weit
darüber hinaus. Die Muße ist, ergänzend zum tätigen Leben, die geistige
Lebensform, in der sich das Denken und schließlich ein anderes Denken
entfalten kann, nicht zielorientiert, nicht ”nützlich” im unmittelbaren
Sinne. Es ist gerade dieses Denken, das als unerschöpfliche Ressource des
Überdenkens, Nachdenkens, Andersdenkens, Neudenkens bei der Orientierung des
Lebens und auch der Arbeit im engeren Sinne behilflich ist.
Arbeit an sich selbst,
Arbeit an Freundschaft, Familienarbeit, Bürgerarbeit, Arbeit als Muße:
Eingebettet in diese verschiedenen Aspekte von Arbeit kommt nun erneut die
Erwerbsarbeit in den Blick. Sie ist keineswegs unbedeutend geworden,
aber es ist von entscheidender Bedeutung für sie, dass sie in Bezug zum
eigenen Leben gesetzt und als Teil der Arbeit an sich selbst verstanden
werden kann. Natürlich geht es immer ums Geldverdienen. Aber was wäre, wenn
die Ressourcen dafür nicht mehr zur Verfügung stünden? Sie werden nur durch
die anderen Arbeiten geschaffen, die daher nicht missachtet werden sollten.
Und im äußersten Fall, wenn die Erwerbsarbeit verloren geht, fällt der
Betroffene nicht mehr im selben Maße ins Nichts. Das soll nicht darauf
hinauslaufen, Arbeitslosigkeit gesellschaftlich einfach nur hinzunehmen,
sondern die jeweils Betroffenen nicht gänzlich ratlos mit ihrem Leben allein
zu lassen. Auch beim Ausbleiben der Erwerbsarbeit bleiben die anderen
Aspekte der Arbeit erhalten. Das mag als schwacher Trost erscheinen, kann
aber lebensrettend sein.
Statt Arbeit und Leben
getrennt zu sehen und eine Balance dazwischen zu suchen, kommt es eher
darauf an, einen umfassenderen Begriff von Arbeit zu gewinnen: die
Lebensarbeit, in der Arbeit und Leben und die verschiedenen Aspekte von
Arbeit integriert sind. Lebensarbeit stellt die übergreifenden Zusammenhänge
wieder her, die sich gegen einen allein ökonomisch bestimmten Arbeitsbegriff
geltend machen lassen: Arbeit ist nicht bloße ”Güterproduktion” oder
lediglich ”entlohnte Tätigkeit”, sondern ein Akt der Gestaltung des Lebens.
Die ars laborandi ist Bestandteil einer ars vivendi. Für
jede Arbeit gilt der Grundsatz, dass durch das Arbeiten der Mensch
selbst bearbeitet wird. Die Arbeit an etwas, die Art und Weise der Arbeit,
die Haltung, mit der gearbeitet wird: all das wirkt auf das Selbst zurück,
und dies so sehr, dass auch Charaktereigenschaften davon geprägt und
verändert werden. Das geschieht in jedem Fall, die Frage ist nur, ob dies
auch so verstanden wird: Arbeit als Möglichkeit, sich zu üben und durch
diese Übung und Gewöhnung sich selbst zu gestalten.
Dabei handelt es sich um
eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Lebensarbeit umfasst über die bereits
genannten Aspekte hinaus vor allem die Arbeit am Sinn, zunächst
bezogen auf die Arbeit selbst. Wenn Sinn Zusammenhang ist, dann geht es hier
darum, Zusammenhänge der eigenen Arbeit, jeder Arbeit, in größerem Rahmen zu
sehen und danach zu fragen, ob und gegebenenfalls welche Bedeutsamkeit ihr
zukommt, in einem Haus, in einer Institution, in der Gesellschaft. In Zeiten
der Muße, so genannten ”Auszeiten”, sabbaticals, lässt sich dies
besser erkunden als inmitten der alltäglichen Anforderungen. In Frage stehen
in erster Linie Zusammenhänge des Wofür und des ”Um zu”: um auf ein
Ziel, einen Zweck hin arbeiten zu können, etwa um Verhältnisse zu verändern
und zu verbessern, sich und anderen zu helfen. Viele sehnen sich danach,
”gebraucht zu werden”, und leiden darunter, dass ”jeder ersetzbar ist”, vor
allem durch Maschinen. Zu ersetzen wäre jedoch vor allem das fremdbestimmte
”Um zu” durch ein selbstbestimmtes: Um Ziel und Zweck der Arbeit nicht von
anderen sich vorgeben zu lassen, sondern selbst darüber zu entscheiden,
wofür gearbeitet werden soll. Zum Gegenstand einer eigenen Sinngebung werden
ferner soziale Zusammenhänge: Das bedeutet, Beziehungen zu anderen zu
suchen und zu pflegen, andere als nur funktionale, wenigstens einige
kooperative, im besten Fall freundschaftliche Beziehungen, auch im
Arbeitsumfeld im engeren Sinne. Als begrenzt erweist sich demgegenüber die
Reichweite ökonomischer Zusammenhänge: Macht die Arbeit für Geld,
macht sie in diesem Unternehmen, macht das jeweilige Unternehmen, macht
Wirtschaft überhaupt Sinn? Sind die erkennbaren Zusammenhänge ausschließlich
ökonomischer Natur, treibt dies regelmäßig Fragen nach ethischen
Zusammenhängen hervor, nach einer Bindung der Arbeit und des
Wirtschaftens an Werte, an eine gesellschaftliche, soziale und ökologische
Verantwortung. Auch Ökonomie kommt nicht umhin, ”Sinn zu machen” und kann
Menschen dabei nichts vormachen: Nicht proklamierte, sondern nur
nachvollziehbare Zusammenhänge kommen für eine nachhaltige Sinngebung in
Frage.
In der Hauptsache aber
antwortet die Arbeit am Sinn auf die Frage: ”Was hat die Arbeit mit meinem
Leben zu tun?” Arbeit, welche auch immer, ist kein ”Sinn an sich”. Sinn
gewinnt sie nur im Rahmen von Zusammenhängen, insbesondere mit dem eigenen
Leben. Lebensarbeit ist eine Arbeit an ideellen Zusammenhängen, vor
allem eine ideelle Aneignung der Arbeit, auch der Erwerbsarbeit, um sie als
Teil des Lebens zu sehen. Dies nicht, um den Interessen eines so genannten
”Kapitals” Genüge zu tun, sondern aus wohlverstandenem Eigeninteresse der
jeweiligen Menschen selbst: Aneignung als selbstbestimmter Akt, um auf die
Gefahr der Enteignung zu antworten, die darin besteht, Arbeit als etwas bloß
Äußerliches zu sehen; denn damit wird ihr möglicher Sinn verschenkt und
Lebenszeit vertan. Zwar ist jeder Mensch frei, sowohl sinnvoller als auch
sinnfreier Arbeit nachzugehen, aber die Arbeit, die keinen Sinn macht, kann
nicht lange durchgehalten werden: Sie kostet zu viel Kraft und repräsentiert
nicht selbst eine Quelle von Kraft. In abhängiger Tätigkeit sind es
die größere Eigenverantwortung und Möglichkeiten zur Umsetzung eigener
Ideen, die zur Aneignung der Arbeit beitragen; am meisten aber die innere
Beteiligung, die Investition seiner selbst in die Arbeit. Keine Aufopferung
ist damit gemeint, keine Übermotivation, kein ausufernder zeitlicher Umfang
der Arbeit – eher im Gegenteil: Die reduzierte Zeit kann dem wachsenden
Interesse an der Arbeit förderlich sein, da aus lästiger Alltagsaufgabe
wieder eine willkommene Abwechslung wird.
Eine vollständige
Aneignung der Arbeit und deren Integration in die Lebensarbeit scheint
jedoch in freier Tätigkeit möglich zu sein. Denn bei dieser Art der
Arbeit geht es um die Existenz, sowohl im materiellen als auch im ideellen
Sinne. Es handelt sich um eine riskante Lebensform, aber auch um ein
umfassend angeeignetes Leben, eine Form von Selbstmächtigkeit, bei der das
Individuum Herr und Sklave seiner selbst zugleich ist. Bei aller Mühe und
Anstrengung kommt damit die mögliche Freude an Arbeit, das Glück, das mit
ihr verbunden sein kann, die Arbeit als Erfüllung wieder in den Blick.
Erstrebenswert erscheint
freilich, in jeder Art von Arbeit Fülle und Erfüllung erfahren zu können.
Die Erfahrung der Fülle resultiert aus der vielfältigen Vernetzung mit
anderen, die mit Arbeit einhergehen kann und dafür sorgt, nicht allein für
sich, sondern ”unter Menschen zu sein”. Sie resultiert aus der Vielzahl von
Erfahrungen, die bei einer Arbeit zu machen sind und den Horizont und den
Spielraum des Selbst erheblich erweitern. Und sie resultiert aus den
Herausforderungen, die gesucht und angenommen werden, mit denen ein Mensch
wachsen und sich um Exzellenz bemühen kann. Denn das Gefühl, etwas auf
exzellente Weise tun zu können, ist unvergleichlich. So wird Arbeit zur
Kunst, zur gezielten Verwirklichung von Möglichkeiten und zum Bemühen um
eine exzellente Verwirklichung. Nicht, weil dies so sein muss. Sondern weil
es Bestandteil eines erfüllten Lebens sein kann.
Sind wir wirklich frei
dazu? Können wir in solchem Maße selbst über unser Leben bestimmen? Ob
Selbstbestimmung wirklich möglich ist, lässt sich letztlich nicht beweisen,
nur annehmen. Die Behauptung, dass es eine selbstbestimmte Freiheit der Wahl
”gibt”, ist ebenso schwer zu begründen wie die gegensätzliche, dass es sie
”nicht gibt”. Aus der Sicht der Lebenskunst liegt es jedoch nahe, für die
Annahme zu optieren, dass es so etwas wie Freiheit gibt und dass
das Selbst in vielen Fällen eine wirkliche Wahl zu treffen hat. Es ist
möglich, ein solches Selbstverständnis zu formulieren: nicht um jegliche
Fremdbestimmtheit gegenstandslos zu machen, sondern um sich selbst etwas
zuzutrauen und sogar zuzumuten. Entscheidend ist letztlich die Haltung,
mit der wir durchs Leben gehen wollen: Uns von Einflüssen umstellt zu sehen
und uns von dieser Sichtweise das Leben rauben zu lassen – oder diesen
Gedanken zurückzudrängen, um uns wenigstens zeitweilig frei wähnen zu können
und Autonomie schon mal zu erproben, nur für den Fall, dass sie doch einmal
hier und da möglich sein sollte. Wenn wir aber jede Möglichkeit von
Selbstbestimmung und Selbstverantwortung bezweifeln, haben wir zweifellos
ebenfalls eine selbstbestimmte Wahl getroffen – und mit unserer Existenz zu
verantworten, denn trotz allem lebt niemand sonst dieses Leben und bringt es
auch zu Ende als nur wir selbst.
Wenn dies bei einer
wachsenden Zahl von Menschen dazu führen könnte, Arbeit und mit ihr das
Leben auf veränderte Weise zu verwirklichen, würde letzten Endes auch diese
Zeit selbst nicht mehr dieselbe bleiben. Es kann sein, dass wir inmitten
einer kritischen Zeit die Geburtsstunde einer anderen Zeit erleben, die eine
veränderte, andere Moderne genannt werden könnte. Kennzeichnend für
sie wäre, sich nicht mehr ausschließlich nur um Freiheit im Sinne von
Befreiung zu bemühen, sondern der erreichten Freiheit endlich auch neue
Formen zu geben. Festzuhalten wäre für die andere Moderne an der modernen
Idee der Veränderung und Verbesserung, zu modifizieren lediglich durch das
Konzept einer skeptischen Veränderung, um sich nicht länger auf einen
”Idealzustand” zu fixieren, dem alles zustrebt und der in ferner Zukunft zu
erreichen ist. Eine Vollkommenheit der Verhältnisse dürfte nicht nur nicht
realisierbar, sondern vor allem nicht wünschbar sein, denn es müsste sich um
einen vollkommen spannungslosen, also uninteressanten Zustand handeln.
Skeptisch ist diese Arbeit der Veränderung, da für sie nicht mehr alles, was
”neu” ist, von vornherein auch schon gut ist, und umgekehrt nicht mehr alles
”Alte” von Grund auf schon schlecht. Veränderung muss auch nicht mehr
unbedingt ”das Ganze” betreffen, selbst dann nicht, wenn das Ganze ”das
Falsche” sein sollte, denn daraus, dass etwas falsch ist, folgt nicht, dass
das Ergebnis einer radikalen Veränderung automatisch ”das Richtige” wäre.
Aus dem unaufhaltsamen ”Fortschritt” der Moderne wird auf diese Weise die
bescheidenere, mühevollere Arbeit an der punktuellen Verbesserung
spezifischer Verhältnisse. Ist es nicht spannend, mit dem eigenen Leben
daran arbeiten zu können, was aus einer Zeit wird? Vorausgesetzt, die
Richtung wird als sinnvoll angesehen. |